Der erste Schnee ist gefallen. Ich habe mich warm angezogen, bin die fünfhundert Meter zum S-Bahnhof zu Fuß gegangen und habe dabei versucht, mit dem geöffneten Mund ein paar Flocken einzufangen. Auf dem Bahnsteig der S-Bahn angekommen,  steht mit  einem Mal  eine kleine Trollfrau neben mir, mit kurzem, rotem Haar, die trägt eine Jacke aus braunem Moos und Hosen aus fein gesponnenem Farn.

 

Die Fahrt dauert nicht allzu lange.  Als an einer Station kurz vor dem Ostbahnhof der Lautsprecher schnarrt „Siebenzwerge“, ahne ich, was mir heute noch blühen wird. Schließlich hält die  S-Bahn am Marienplatz an. Im ersten Stock des Kaufhauses, das ich zunächst betrete, sitzt gleich neben der Treppe, auf einer Ruhebank, ein  Eremit mit einer Baskenmütze auf dem schlohweißen Haarkranz. Vor sich auf dem Schoß hält er ein vergilbtes Büchlein und blättert darin. Ab und zu hält er mit Blättern inne und schreibt mit einem klitzekleinen Bleistift Buchstaben auf das Papier, auf dem schon viele magische  Zeichen geschrieben stehen. Um ihn herum herrscht lebhafter Trubel. Frauen und Männer mit riesigen Einkaufstaschen hetzen kreuz und quer durch den Raum – niemand schert sich dabei um ihn. Er ist es, der die Insel der Ruhe entdeckt hat. Aber  davon werde ich ein anderes Mal schreiben.

 

Ich nehme wieder die Treppe abwärts, an mancherlei käuflichem Glitzerzeug vorbei, und gelange schließlich auf den Platz vorm Haus. Gleich neben dem Ausgang hockt ein altes Kräuterweiblein mit buntem Kopftuch und ebensolcher Schürze und bietet die seltensten Spezereien feil.  Ich bahne  mir einen Weg mitten durch die Budengasse des strahlenden, klingenden und duftenden Weihnachtsmarkts und gelange auf wunderliche Weise  in einer Nebengasse an ein verwunschenes Häuschen. Darinnen die herrlichsten Spielsachen und Dinge, die alle einen speziellen Sinn haben für den, der sie sieht oder braucht. Zu sehen gibt es mehr als manch einer kaufen kann. Zwei alte Hexen bewirtschaften den Laden. In einer verschlossenen Vitrine finden sich die schönsten Dinge, die eine Wörterhexe oder Tintenzauberin erfreuen könnten: unsichtbare Tinte in zierlichen Fässchen und marmorierte Federhalter in einer Vielfalt, dass es eine wahre Freude ist. In mir wächst   ein stilles Verlangen nach diesem feinen und ultimativen Zauberwerkzeug. Da höre ich ein heimliches Stimmchen mir ins  Ohr flüstern: Wart’s ab, wart’s ab, vielleicht bringt’s dir ja dein ganz privates Christkindchen?

Der Weg führt mich weiter, geradewegs ins Kaufhaus der Sinne. Ich staune  nicht schlecht, als niemand anderes als der Nikolaus persönlich mir die Tür öffnet. Er tut dies mit einer leichten Verbeugung. Es ist nicht etwa einer von jenen armen und schlecht bezahlten Wesen, die mit rotem, wattebestücktem Filzmantel von der Stange um die Schultern sowie einer lächerlichen Pappmaske im Gesicht auf anderen Weihnachtsmärkten blöde Dauerlächeln müssen und manches Kind eher in die Flucht schlagen denn erfreuen. Nein, es ist ein echter, wahrscheinlich sogar der echte Weihnachtsmann  mit einem umwerfend milden Lächeln und von der Kälte geröteter Nase sowie apfelroten Wangen. Von seinen Augen mag ich gar nicht sprechen, sie tun es ganz von selbst, und ich spüre sogleich, dieser Mann meint es ernst mit mir! Hocherfreut stammele ich: „Vielen Dank auch, lieber Nikolaus!“, obwohl ich nicht einmal weiß, wie er sich in Bayern nennt. Und, ich traue meinen Ohren kaum, er antwortet mir mit einer der wärmsten, der erotischsten Stimmen, die ich seit langem gehört habe (er tut dies in reinem Hochdeutsch!): „Bitteschön!!!“ – und  schickt  mir  auch noch ein Lächeln hinterher. Als ich knapp fünf Minuten später das Kaufhaus zu einem anderen Ausgang wieder verlasse, zieht es  mich auf eine wunderliche Weise wieder zu jener ersten Tür, an der ich so freundlich begrüßt worden bin. Doch ich traue meinen Augen nicht,  es ist niemand zu sehen außer einem normal winterlich gekleideten Bayern in Loden und mit Gamsbart, der durch die Tür ins Haus hinein eilt – und  niemand sonst.

Auf dem Viktualienmarkt nehme ich mein Mittagessen ein: ein Süppchen, beim Vinzenzmurr, der hat sein Geschäft gleich rechts, wenn man reinkommt, auf den Markt. Bedient werde ich von Schneewittchen. Das habe ich auch nicht anders erwartet. Sie trägt ebenholzschwarze Zöpfchen und spricht mit einem  bezaubernden italienischen Akzent. Während ich mein Süpplein  löffle, schießt wie der Blitz eine wilde kleine Hexe, die furchterregende Schlägerkappe tief ins Gesicht gezogen, durchs Geschäft und gleich wieder zur zweiten Tür hinaus. Dabei schreit sie mit einer schrecklichen, schrillen Hexenstimme: „I schlog dir a no d’ Goschn eini!“  Derjenige, den  sie mit dieser unheilvollen Verheißung gemeint haben könnte, bleibt unsichtbar. Aber alle miteinander  sind wir zusammengezuckt.

Ein unsichtbarer, starker Magnet zieht  mich schließlich  in das größte Buchhaus in der Innenstadt. Wenn man da einmal hineingefunden hat, findet man so schnell nicht mehr hinaus. Hinter einer Theke im Erdgeschoss hängt ein Schild, auf dem steht  geschrieben ‚Info’, und dahinter sitzt eine Elfe. Sie hat lange wallendes, blondes Haar, ein blasses, nichtssagendes  Gesicht und trägt eine durchsichtige, zartrosa Bluse mit winzigen Streublümchen darauf. Sie lächelt und muss nicht einmal sprechen, denn die Menschen, die ein Buchhaus aufsuchen, haben keine lauten Fragen. Hat jemand schon einmal Elfen sprechen hören? Dies Buchhaus selbst ist entweder ein Haus der Verrückten oder aber ein Irrgarten oder beides in einem. Es ist schier kein Durchkommen möglich. Mir fällt der Eremit ein, der sich  – inmitten allen Trubels – das wohl einzige ungestörte Plätzchen am Ort ausgesucht hat. Mitten im Auge des Orkans, wenn man so will. Und wenn er will, ohne Pause. Darauf muss man erst einmal kommen!

In der S-Bahn, mit der ich zurückfahre, Schlag dreizehn, sitzt mir gegenüber ein Zwerg. Er trägt eine grüne Zipfelmütze, hat eine dicke, rote Knollennase mitten im Gesicht und grinst mich blöd an mit zahnlosem  Mund.

Kaum habe ich den kleinen Zielbahnhof verlassen, ist der Schneefall dichter geworden. Im Schein der Straßenbeleuchtung glitzern Sternchen, als setzte sich das eben erlebte Weihnachtsmärchen fort.

 

© Birgit Ohlsen, 2008

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