Friede den Hütten

 

ROM

Der protestantische Friedhof an der Cestius-Pyramide

 

 

Bei Regengüssen hat es den Anschein, als schössen in der römischen Innenstadt, vergleichbar den auf dem Lande zu dieser Zeit äußerst begehrten Pilzen, die Regenschirmverkäufer gleichsam aus dem Boden. Niemand hat sie zuvor bemerkt – und auf einmal sind sie da: freundlich, hartnäckig, geschäftstüchtig. So auch am Eingang zur Metrostation Cornelia, von der aus wir das Vormittags-Ziel des heutigen Tages erreichen wollen: Indisch aussehende Einwanderer bieten ihre Ware an, das Stück à fünf Euro. Im Bündel gibt es Rabatt – 5 Schirme à 20 Euro. Aber wer hat schon einen derartigen Verbrauch an einem einzigen Vormittag? Es regnet in Rom nie über mehrere Stunden hinweg – zumindest haben wir diese Erfahrung gemacht. Wie auch in der Millionenstadt Berlin gibt es immer ein Stadtviertel, das sich einer völlig anderen Wetterlage erfreuen kann.

Am unterirdischen Bahnknotenpunkt Termini wechseln wir von der Linie A in die Linie B. Unter dieser Stadt verlaufen, und dies mag vielleicht verwunderlich erscheinen, bisher nur zwei sich kreuzende Untergrundbahnen von relativ beschränktem Ausmaß. Das rührt primär daher, dass bei jedem neuen Erweiterungs- oder auch Ergänzungsversuch der vorhandenen Linien unter Umständen wichtige historische Ausgrabungen berührt und auch zerstört würden. Bei unserem letzten Rom-Besuch im Oktober 2007 befand sich die Linie C im Bau, allerdings führte die ursprüngliche Streckenplanung nach archäologischen Sondierungsarbeiten schon zu ersten Umplanungen.

Bevor wir den weiteren Weg heute aber, wie bereits an den Tagen zuvor, zu Fuß zurücklegen werden, gilt es, eine Art Familienbesuch zu machen. Weder Blumen noch eine Flasche Wein befinden sich in unserem Gepäck; die Verwandtschaft, die es zu besuchen gilt, weilt seit etlichen Jahrzehnten nicht mehr unter den Lebenden.

Zu Zeiten, als ein Zugriff auf das World Wide Web noch nicht möglich war, bot sich für Nachforschungen mancher Art das ungleich spannendere Recherchieren in Universitäts-Bibliotheken an. Es ergab sich, dass ich während der Vorarbeiten zu einer Semesterarbeit innerhalb des Studiums wie zufällig auf Jahrgangsbände internationaler Bibliographien stieß. Es war eine Frage von wenigen Augenblicken, bis mir das Buch „Das Deutschtum in Rom“ von Friedrich Noack (1927) in die Hände fiel. Im Index hatte ich die beiden infrage kommenden Familiennamen bald entdeckt und im Nachhinein kann ich das Gefühl, das mich bei dieser Lektüre befiel, nur mit dem eines Archäologen beschreiben, der unverhofft längst verloren Geglaubtes aus einem vorher nicht bekannten Terrain freilegt. Im Buch selbst fand ich knappe Angaben zur Biographie meines Urgroßvaters, dazu einen kurzen Abriss seiner wichtigeren wissenschaftlichen Arbeiten. Dann der abschließende Satz: Beerdigt an der Cestius-Pyramide. Noch wusste ich nicht, dass dies gleichbedeutend war mit dem Cimitero Acattolico, dem nicht-katholischen Künstler- und Gelehrten-Friedhof, der unmittelbar an das Gelände der Pyramide angrenzt.

Aus meiner mir bis dato nur in Bruchstücken bekannten Familiengeschichte waren mir über den Weg so genannter oral history bisher nicht überprüfbare Eckpunkte im Gedächtnis verhaftet gewesen: Zwei von zahlreichen im frühen 19. Jahrhundert aus Deutschland eingewanderten Familien hatten sich zunächst in Neapel niedergelassen und dort einen gediegenen Wohlstand begründet. Söhne wurden ebenfalls Ärzte und Wissenschaftler oder zogen später als Künstler nach Paris oder München, Töchter genossen eine zeitentsprechende, schöngeistige Ausbildung. Im letzten Drittel desselben Jahrhunderts ließen sich meine späteren Urgroßeltern, Emma und Carl Theodor O., in der Umgebung Roms nieder. Über beider Leben, so fand ich bei weiteren Nachforschungen heraus, existieren Buch-Veröffentlichungen, verfasst von der schreibenden Tochter Helga. Vollständig erhalten ist nur diejenige über Carl Theodor; nach Jahren des Suchens konnte ich das Buch vor wenigen Jahren erst in einem Dresdner Antiquariat erwerben.

Wir verlassen an diesem Donnerstag-Morgen den kleinen Bahnhof an der Metro-Station Piramide. Der Regen hat sich gelegt, wie erhofft. Vor uns die kleine Piazza Porta S. Paolo, gleich rechts daneben ist bereits die Cestius-Pyramide zu erkennen. Erschien sie mir auf früheren eigenen Fotos noch strahlend weiß, so stellen wir heute fest, dass sie mit den Jahren ein wenig grau geworden ist. Die letzte Renovierung sei erst im Jahre 1999 gewesen? Es scheint kaum etwas vom vormaligen Glanz geblieben zu sein. Vor uns posiert eine nordafrikanisch aussehende Nonne vor dem Koloss, eine Schwester im Glauben macht eine Momentaufnahme. Cleopatra in Rom?

Der Besuch der historischen Cleopatra anno 46 v. Chr. war tatsächlicher Auslöser der „Ägypten-Mode“ in Rom geworden. Auf zahlreichen römischen Piazze haben wir bereits Obelisken unterschiedlicher Größe und Verfassung sehen können. So zum Beispiel auf der Piazza del Popolo – noch vor wenigen Tagen erst. Handelt es sich andernorts aber überwiegend um verbliebene Trophäen längst vergangener Weltherrschaftsepisoden, so kann die Stadt Rom sich darauf berufen, auf diesem Gebiet Vorreiter gewesen zu sein. Die Cestius-Pyramide, 12 v. Chr. durch den Praetor und Tribun Caius Cestius als späteres Grabmal errichtet und ab 271 in die Aurelianische Mauer einbezogen, war bis ins Jahr 1499 eine unter mehreren ähnlichen Bauwerken. Wurde sie noch im Mittelalter als Meta Remi, Grab des Remus bezeichnet, so nannte man eine weitere Pyramide in der Nähe der Engelsburg analog zur mythologischen Vorstellung Meta Romuli, Grab des Romulus. Der Borgia-Papst Alexander VI., von dem an anderer Stelle bereits die Rede war, ließ dies Grabmal im Jahr 1499 abreißen, um für das Heilige Jahr 1500 die Zugangsstraße zum Vatikan zu verbreitern. Das Marmor dieser Pyramide ereilte das Schicksal zahlreicher weiterer antiker Bauten: es wurde in christlichen Sakralbauten, in diesem Fall im Petersdom verbaut. Zwei weitere, heute nicht mehr existierende Pyramiden befanden sich im Bereich der heutigen Piazza del Popolo.

Über die Via Caio Cestio betreten wir, alten Friedhofgängern nicht unähnlich, den Cimitero durch das klassizistische Tor mit der Aufschrift „Resurrectis“ – „Denen, die auferstehen werden“. Empfehlenswert wäre ein derartiges Ereignis in den Monaten März bis November – dann nämlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass die rosafarbenen Oleanderbüsche zu beiden Seiten des Eingangs in voller Blüte stehen, am größten.

Frisch aufgeschütteter Kies knirscht unter leichtem Schuhwerk. Erhabenheit und Stille treten an die Stelle eines eben noch so leicht über die Lippen gebrachten Scherzes.

Wir müssen nicht lange suchen: Innerhalb weniger Minuten stehen wir vor dem scheinbar nur aus Holz gehauenen schlichten Steinkreuz und dem weit aufgeschlagenem Buch aus weißem Marmor auf grauem Feldstein. Fast ist die einst in Gold getriebene Inschrift verblasst. Später hinzugekommene Eintragungen bedecken nahezu die gesamte sichtbare Steinfläche. Ein seltsames Gefühl ist es, den eigenen Namen gleich mehrfach auf einem Grabstein wiederzufinden, häufiger jedenfalls als an den Türen der noch Lebenden. Nachdenklichkeit, in Gedanken verlorenes Streicheln erst der Köpfchen, dann des grün gewordene Gefieders der bronzenen Spatzen. Jemand muss sie seit unserem letzten Besuch neu im Stein verankert haben. Später werden wir uns im angegliederten Friedhofsbüro erkundigen und erfahren, dass es tatsächlich so ist. Wir sehen uns ein wenig um in dem kleinen Ausstellungsraum, unterhalten uns mit der italienischen Direktorin und auch mit der freiwilligen britischen Helferin. Von ihr erfahre ich, auf das eben besuchte Grab angesprochen, von einem Buch, das sie gerade lese und das von der Herkunft von Vogelskulpturen auf Friedhöfen handle. Nein, den Titel könne sie mir im Moment leider nicht nennen. Wir sehen die ausliegenden Bücher ein, unterhalten uns ein wenig und hinterlassen eine kleine Spende zur weiteren Grabpflege. Auch die Friedhofskatzen, die hier zwischen den Bäumen und den kunstvoll gestalteten Grabstätten wohnen, wollen bedacht sein.

Bei den Vorarbeiten zu diesen Aufzeichnungen finde ich im Internet einen neueren Aufsatz, in dem Bezug genommen wird auf die zugrunde liegende Arbeit eines gewissen „Dott. Ohlsen nel Palazzo Farnese di Caprarola“ aus dem Jahr 1897. Selbst Naturkundler von Haus aus und ornitofilo, also Vogelliebhaber aus Leidenschaft, fordert mein Ahnherr in besagter Veröffentlichung die Einführung einer „tassa sui gatti“, einer Katzensteuer, um die von ihm offensichtlich favorisierten Lebewesen nicht nur vor der Verfolgung durch den Menschen, sondern auch durch ihren natürlichen Feind zu schützen. Was aber mögen die zahlreichen Katzen, die sich hier tags wie nachts ein Stelldichein geben, von einem derartigen Vorschlag halten – könnten sie denn lesen? Sicherlich wäre dies Anlass zu mancherlei weiterführenden Gedanken oder Diskussionen.

Ebenso wie über unsichtbar aus den Büschen heraus singende und zwitschernde Vögel freuen wir uns über vereinzelte, über die Gräber streifende Katzen – wenige nur von den ungefähr zweihundert verbliebenen, die hier Hausrecht genießen. Eine dickfellige Bunte hat sich auf einem Kindergrab, zu Füßen der anrührenden Skulptur, eingerollt und putzt sich das Fell. Ein Hauch von Mystik überträgt sich allzu leicht bei einem derartigen Anblick. Noch blühen viele der Pflanzen, es sind nun andere als bei meinem ersten Besuch in einem Frühsommer vor etlichen Jahren. Waren es damals noch zartblütige Zitronen- und Orangenbäume gewesen, die neben blühendem Oleander und mir damals noch weniger vertrauten Pflanzen wie Kamelien, Geißblatt und Lilien ihren betörenden Duft verströmten, so sind es zu dieser herbstlichen Jahreszeit neben den immergrünen Pinien und Lorbeerbäumchen eher kleinere Büsche, deren Blüten zartblaue Sternchen auf den grün gesprenkelten Blätterteppich werfen. Dazwischen stehen oder liegen kunstvoll gestaltete Grabmale, vom einfachen Steinkreuz bis zum marmornen Diwan, von kyrillischer über hebräische bis zu skandinavischer Inschrift. Manche der Grabstellen ähneln gut, aber keine Spur zu gut gepflegten kleinen Gärten, die eher die pflegende Hand des fantasiebegabten Gartenkünstlers erahnen lassen denn die gestrenge Harke des (deutschen) Friedhofsarbeiters.

 

Zahlreiche Granatapfelbäumchen tragen um dieses Jahreszeit mit scheinbarer Leichtigkeit ihre prallen Früchte. Und wenn es mir früher so war, als sängen und zwitscherten von überall her Vogelstimmen in mir zuvor nicht bekannten Tonarten, so ist es heute ein eher vertrautes, vielfaches Stimmen-Miteinander, wie wir es von zu Hause her kennen. Noch haben sich hier offenbar nicht die an anderen Stellen im Stadtgebiet bereits gesichteten grün gefiederten und im Flug laut kreischenden Halsbandsittiche niedergelassen.

Wir gehen, zunächst getrennt voneinander, über das weite Gelände, machen Fotos, jeder für sich. Auf dem einst zuerst belegten antiken Teil des Friedhofes, der parte antica, treffen wir uns wieder, lehnen uns an die Abgrenzung, die das Gelände von der tiefer gelegenen Pyramide trennt und sehen den Katzen beim Spiel zu. Kaum vorstellbar erscheint es uns heute, dass Beerdigungen auf diesem Friedhof zu Zeiten des Kirchenstaates, also bis weit in das 19. Jahrhundert hinein, heimlich und bei Nacht vonstattengehen mussten, um Angriffe wütender Katholiken zu vermeiden. Vor der Nutzung als Begräbnisstätte war das Gelände eine Gemeindewiese, die prati del popolo romano, auf der unter anderem Schafe weideten. Es gab weder Mauer noch Zaun, die den Friedhof abgrenzten. Die jetzige Mauer wurde erst zwischen 1870-1880 zum Schutz der Totenruhe der hier Liegenden errichtet.

Auf unserem Rückweg über den antiken Teil des Friedhofes passieren wir den in die Mauer eingelassenen Gedenkstein des schwedischen Arztes und Schriftstellers Axel Munthe, bahnen uns den Weg vorbei an Mitgliedern einer englischsprachigen Besuchergruppe, die sich vor den Gräbern ihrer jung verstorbenen Dichter Shelley und Keats versammelt haben. Sobald wir im neueren Teil angekommen sind, kreuzen Deutsch sprechende Menschengruppen unseren Weg, folgen dem ein wenig deplatziert erscheinenden und dennoch unübersehbaren Hinweisschild „Goethe filius“ bergauf.

In einem Diskussions-Portal im Internet fiel mir kurz nach Abschluss der diesjährigen Rom-Reise folgender Satz auf: „Was hat August getan, dass er in eine Enzyklopädie kommt?“ Ähnliches mag sich auch der Vater des Unglücklichen gedacht haben. Von dem Makel, zu Lebzeiten noch als das unbegabte Kind eines Genies zu gelten, befreite ihn auch sein früher Alkoholiker-Tod nicht. Die Inschrift auf dem Grabstein lautet dem Vernehmen nach entsprechend unemotional: Goethe filius – patri antevertens. Goethes Sohndem Vater (im Tode) vorangehend.

Zwei Jahre wären dem Herrn Geheimrat noch vergönnt gewesen, den einzigen Sohn auch im Tode beim eigenen Namen zu nennen. Dass dies aber nie geschah, wäre sicherlich geeignet, auf diesem historischen Gottesacker auch heute noch echte Tränen zu vergießen.

Durch das Portal des Cimitero Acattolico betreten wir gegen Mittag wieder die Außenwelt. Die Sonne scheint, und fast kommt es uns unwirklich vor, dass diesseits und jenseits des Paradieses ein und dasselbe Wetter herrschen sollte.

……

Ausschnitt aus: Birgit Ohlsen, Zauberhaftes Rom. Streifzüge durch die Ewige Stadt“. Schweinfurt 2008

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