Friede den Hütten

Birgit Ohlsen und Günter Opitz-Ohlsen

Konsalik in Güstrow

oder

«Wo ich her bin, das gibt es nicht mehr»1

 

 

Eine Spurensuche

 

«…Wenn die Linientreue erst einmal der High Fidelity gewichen ist, die Komplexbrigade zu ihrer Corporate identity gefunden hat, der Planrapport mit dem gehörigen Coaching betrieben wird und genügend Sponsoren da sind für den Transfer von Knowhow, wenn sich der Goldbroiler zu den Standards des Fast food aufschwingt, dann schlägt die happy hour der Wiedervereinigung, die wir vorsichtshalber joint venture nennen wollen.»

Dieter Hildebrandt (1927-2013)

(Mit freundlicher Genehmigung des Autors)

 

Inhalt

Vorwort der Verfasserin


0.

1. Mittwoch, den 5.9.1990

2. Donnerstag, 6.9.1990

3. Freitag, 7.9.1990
4. Sonnabend, 8.9.1990
5. Sonntag. 9.9.1990
6. Montag,10.9.1990
7. Dienstag, 11.9.1990
8. Mittwoch, 12.9.1990
9. Donnerstag, 13.9.1990 - letzter Tag
10. Freitag, 14.9.1990


Nachwort des Herausgebers

 

Vorwort der Verfasserin

Im dreißigsten Jahr nach dem Mauerfall sind wir nach Mecklenburg zurückgekehrt. Wir haben uns, wie schon mehrere Male zuvor, in der Nähe des Krakower Sees, am Fuße des Jörnbergs bei den Heinrichs im Möwenweg einquartiert und genießen die erste Frühlingswoche des Jahres, die diese Bezeichnung auch verdient hat.

Jeden Morgen werden wir zeitig vom zauberhaftesten Vogelkonzert geweckt, das man sich denken kann. Danach stehen wir auf, frühstücken, machen einen Spaziergang in die kleine Stadt. Immer aber gehen wir am Seeufer mit seinen bunten Bootshäuschen entlang, beobachten die Enten, die im Uferwasser dümpeln, kommen auf dem Hinweg wie auf dem Rückweg in der Goetheallee am Anwesen jenes Villenbesitzers vorbei, der selbst, als Gärtner getarnt, seinen Garten bestellt. Nicht weit davon entfernt üben sich hinterm Zaun die kürzlich erst geborenen Zicklein im spielerischen Bocksprung, und in den Häusern daneben haben die ersten Osterferiengäste ihr idyllisches Domizil auf Zeit bezogen.

Tagsüber erkunden wir zu Fuß die Umgebung und das Städtchen selbst, freuen uns, wie es sich in den vergangenen Jahren herausgeputzt hat.

Mein Geburtshaus am Markt, in dem nun die Sozialstation der Caritas untergebracht ist, sehe ich ab und zu im Vorübergehen und lächle ihm zu. Gut hast du dich gemacht in all den Jahren! Das Haus aber erkennt mich nicht – ebenso wenig wie die Menschen, die daran vorübergehen.

Ich habe kein Anrecht mehr darauf, hier heimisch zu sein.

Die Tagebuchnotizen, die ich zur Zeit unseres ersten Besuchs in der noch bestehenden, sich bereits im Umbruch befindenden DDR niederschrieb, möchte ich als eine Art nachdenklicher, wenn auch recht gegenwärtiger Liebeserklärung an meine Kindheitsheimat verstanden wissen.

 

Berlin, im August 2021 – Birgit Ohlsen

 

 

 

0.

Es war am 11. November des Jahres 1989, als mich ein Anruf meiner Schwester aus Niedersachsen erreichte. Du wirst es nicht erraten, wo wir heute waren! Ihre Stimme klang aufgeregt, also war es ein Leichtes, die Antwort zu erraten, noch bevor sie sie selbst gab: Stell dir vor, wir waren dort!

Dort – im mecklenburgischen Städtchen Krakow am See sind wir geboren, dort haben wir unsere ersten, unbeschwerten Lebensjahre verbracht, von dort mussten wir noch im Kindergarten- und frühen Schulalter Abschied nehmen. Das war im Mai 1950 gewesen.

Und nun war es möglich geworden, 39 Jahre danach, zurückzukehren. Eine fast surreal anmutende Situation.

Zwei Tage bereits nach dem Mauerfall habe sie sich in den Wagen gesetzt und sei hingefahren. Einfach so. Keine Schlagbäume mehr, und die Vopos an der Grenze noch ohne neue Richtlinien. Einfach so. Und zwei weitere Tage später der Umschlag mit den ersten Fotos im Briefkasten, und noch immer kein richtiges Begreifen. Psychologen mögen diesen Zustand besser erklären können. Eventuell ist er ja vergleichbar mit dem erstmaligen Hörerlebnis eines zuvor Gehörlosen, dem ersten Sehen eines zuvor Blinden, der zunächst ebenso wenig einzuordnen weiß, wie ihm geschieht. Und auch, ob das nun Glück bedeutet oder neue Schwierigkeiten – alles bleibt in diesem Augenblick außerhalb der Reichweite wie auch der Vorstellungskraft.

Wir mussten nicht lange überlegen, um umgehend einen Plan für eine Reise nach K. zu entwerfen.

Es sollten weitere 10 Monate vergehen, bis wir, mein Mann Paul und ich, uns selbst auf den weiten Weg machen konnten nach Dorthin.

 

1. Mittwoch, den 5.9.1990

 

Die Fahrräder sind auf Sicherheit geprüft, die Rucksäcke nach sorgfältiger Suche eingekauft. „Wollen Sie eine Expedition machen?“, hatte der Verkäufer im Sportgeschäft uns noch gefragt und war uns dabei in die Abteilung der ergänzenden Ausstattungen vorausgeeilt. Wir hatten uns grinsend angesehen, und als wir uns später an diesen Moment erinnerten, meint Paul: „So etwas in der Art ist es dann ja auch geworden!“

Komplizierter war es, einen Fahrplan mit Zügen zusammenzustellen, in denen Fahrradmitnahme gestattet ist. Fahrradmitnahme ist im Herbst dieses Jahres 1990 nur in den Zügen des Nahverkehrs möglich. Das heißt: mehrmaliges Umsteigen und jeweils eigenhändiges Verladen des Gepäcks.

An diesem frühen Morgen steigen wir im Bahnhof Wuppertal-Elberfeld in den Regionalzug nach Hannover.

Unser erster Umsteigebahnhof ist bald erreicht: Hamm/Westfalen. Neben uns auf dem Bahnsteig wartet ein älteres Ehepaar auf den Anschlusszug. Ein kurzer Austausch über das jeweils nächste Ziel – Münster in Westfalen – mündet in ein Gespräch über die Region, die wir noch am Nachmittag erreichen wollen: die Mecklenburger Seenplatte. Als sich überraschend herausstellt, dass die beiden Alten nicht weit entfernt von Güstrow entfernt leben, in der kleinen Ortschaft Bützow, sind wir, wenn auch noch auf einem nordrhein-westfälischen Kleinstadtbahnhof zwischen allerlei Gepäck eingekeilt, in Gedanken bereits in der Nähe unseres Reiseziels angelangt.

Können Sie ein Schwein gebrauchen?“ fragt der Mann uns da unvermittelt, und es wird im ersten Moment nicht deutlich, ob dies ein scherzhaftes oder ein ernst gemeintes Angebot ist. Im Verlauf dieser ersten Annäherung erfahren wir, dass im Zuge der Systemanpassung seine LPG in Auflösung begriffen sei und bei den Betroffenen guter Rat teuer. Neben Liquiditätsproblemen habe man aktuell mit immensem Preisverfall und Absatzschwierigkeiten zu kämpfen. Also, Sie wollen wirklich kein Schwein haben?

Wir lachen über diesen Scherz.

Noch lachen wir.

Die weitere Unterhaltung mit den beiden Mecklenburgern gleicht denjenigen, die wir zuvor in mancher Jugendherberge geführt haben mit Gästen aus Australien, Spanien oder Südafrika. Wir als gut eingelebte und überwiegend im Westen aufgewachsene Bundesdeutsche, jene aus einem uns weitgehend unbekannten Land. Einem Land, das uns in jedem anderen Moment ferner erschien als Südafrika oder Australien. Nur heute schnurren Entfernungen zusammen, wir saugen begierig die Neuigkeiten auf, insbesondere diejenigen, die die ungeheure Umwälzung betreffen zwischen November 1989 und diesem Reisetag im Frühherbst des darauffolgenden Jahres. Noch ein Monat bleibt bis zur Vereinigung beider Länder, von der uns nicht so recht einleuchten will, warum sie landläufig „Wieder“1-Vereinigung genannt wird.

Die Verbindungen in den Osten Deutschlands sind alles andere als gut auf einander eingespielt, die neuen Linien sind noch nicht optimal koordiniert.

Nach einer längeren Umsteigepause in Münster, die Paul dazu nutzt, ein neues Ventil für einen platten Reifen an seinem Fahrrad zu besorgen, geht es weiter nach Hamburg. Hier erwägen wir scherzhaft den Plan, eine Hafenrundfahrt zu machen, bis endlich der Anschlusszug in Richtung Osten bereitsteht und auch abfährt. Schließlich geschieht auch dies und wir fahren. Zunächst geht es in Richtung Lübeck. Als wir dann tatsächlich den ehemaligen Grenzübergang Herrnburg passieren, lehne ich mich im Sitz zurück und schließe ich die Augen.

 

Es ist Mai 1950 in meiner Erinnerung:

Eine Bekannte der Familie, Fr. L., hat uns auf einen Ausflug nach Herrnburg mitgenommen. Ungewöhnlich viele Menschen sind mit uns unterwegs, alle mit Gepäck beladen, und alle marschieren sie geradewegs auf einen Straßenabschnitt zu, der an einem bestimmten Punkt versperrt zu sein scheint. Das, was ich zunächst für eine Bahnschranke gehalten habe, versperrt gleich an zwei Stellen den Weg. Rote und weiße Kringel wechseln sich in breiten Abständen ab – wie bei einer langen Zuckerstange. Weder Menschen noch Fahrzeuge können auf diese Weise passieren. Schmale bunte Häuschen, die ein wenig Hundehütten gleichen, die aber hoch genug sind, dass ein Mensch darin stehen kann, begrenzen die Schlagbäume zu beiden Seiten. Darin stehen – dies kenne ich schon von Bildern und auch von Schilderungen der Großen – Soldaten mit echten Gewehren über der Schulter. Staunend und voller Neugier nähere ich mich dem Geschehen, zupfe an Frau L.s Ärmel, um bloß nichts zu verpassen von all dem bunten Treiben, das sich so sehr von meinen Erkundungstouren in der ländlichen Umgebung zu Hause unterscheidet. Und was ich alles sehe! Nicht zu träumen habe ich es gewagt, und niemand hat zuvor davon auch nur die kleinste Andeutung gemacht. Ja, es ist fast noch schöner und spannender als zu Weihnachten: Genau dort, wo sich auf dem gegenüberliegenden Schlagbaum das Rot und das Weiß in der Mitte treffen, lehnt eine Frau. Sie ähnelte unserer Mutter aufs Haar. Mit einem Mal höre ich meine Stimme rufen, ja, ganz besonders laut schreie ich jetzt: Muhuttiiiiii!!! Die Frau auf der anderen Seite reckt ihren Kopf ein wenig, als habe sie über die beträchtliche Entfernung hinweg tatsächlich ihren Namen rufen hören. Frau L. reißt ruckartig meinen Arm herum und zwingt mich, ihr ins Gesicht zu sehen. Wirst du wohl!!! zischt sie drohend, wirst du wohl!! Sie spricht gerade, und das habe ich nicht bemerken können, mit einem der Uniformierten, der nun unversehens mir seine Aufmerksamkeit schenkt und fragt: Wo ist deine Mutti? Frau L. verschließt mir mit einer knappen Gebärde den Mund und antwortet dann an meiner Stelle: Die Kleine irrt sich, ’s ist ihre Tante!

Danach entwickeln sich die weiteren Dinge ganz von selbst. Meine siebenjährige, also fast schon erwachsene Schwester, packt mit einem Mal meine linke Hand, mit ihrer Rechten hält sie den umhäkelten Griff des prall gepackten braunen Lederköfferchens umklammert. Frau L. gibt uns beiden nun einen leichten Schubs in den Rücken und zischt: Los jetzt! Wir krabbeln unter dem ersten Schlagbaum hindurch, rennen, rennen. Es macht enormen Spaß, und auch der Uniformierte in dem Wachhäuschen lächelt uns aufmunternd zu. Niemand hält uns auf, und so erreichen wir nach wenigen Minuten bereits genau die Stelle, an der zuvor die Frau gelehnt hat, die nicht Mutti sein durfte, sondern eine Tante, die aber in Wirklichkeit Mutti ist. Sobald wir beide, völlig außer Atem, in ihrer unmittelbaren Nähe zum Halt kommen, zieht sie uns energisch mit sich fort, kaum haben wir noch genug Puste. Nicht ein einziger Kuss, dazu ist jetzt wirklich keine Zeit. Mutti zerrt uns mit sich fort, bis wir uns schließlich erschöpft irgendwohin plumpsen lassen. Dann erst sind wir in Sicherheit, denn weder mordlüsterne Russen noch nicht weniger grausame Vopos sind mehr in der Nähe: Wir sind nun vereint und in Freiheit! Was immer dies magische Wort auch bedeuten mag.

Paul schubst mich in die Seite, als der Zug wieder anruckt. Wir fahren weiter. Halbwacher Blick aus dem Abteilfenster: Ein Wachturm liegt am Boden. Grau und morsch. In diesen 40 Jahren bin auch ich nicht jünger geworden.

Dennoch: Wir sind jetzt in Mecklenburg! Allmählich setzt ein Gefühl wie Euphorie ein. Kindlich-aufgedrehtes Verhalten trifft auf Erwachsenenrealität. Eben noch so etwas wie Alltagsstimmung, nun dieser Überschwang. Ein mitreisender älterer Herr in einem Trachtenjanker, der gerade noch das Wort „Eiserner Vorhang“ im Munde geführt hat, sieht ein wenig irritiert in meine Richtung – es berührt mich nicht. Nicht in diesem Augenblick! Jetzt bin ich das Kind, jetzt trennen mich nur noch wenige Kilometer vom Ort meiner Kindersehnsucht.

Zwei weitere Male müssen wir mitsamt Gepäck umsteigen: Zunächst in Bützow, wo wir uns herzlich von dem älteren Ehepaar verabschieden, das uns seit Hamm begleitet hat, als kennten wir sie seit Ewigkeiten, dann in Güstrow. Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen Taxifahrer in einem Grüppchen beisammen, spötteln über unsere gut ausgestatteten Räder. Die ersten Übersiedler kommen ... Ihre Minen zeigen kein Willkommen. Eher Spott, Feindseligkeit.

Ein wenig verstört besteigen wir den Anschlusszug nach Krakow. Eine Schaffnerin hilft uns mit dem Gepäck – die Einstiege in die alten Züge der DR sind für uns ungewohnt hoch –, grüßt freundlich und wünscht uns eine gute Fahrt. Das macht den ersten Eindruck wieder wett.

Kaum kann ich die Ankunft in Krakow erwarten. Angespannt presse ich während der Fahrt die Stirn ans Abteilfenster und stelle mir dabei vor, die Jahrzehnte seit der letzen Fahrt in die andere Richtung hätten sich auf wenige Stunden reduziert, nun ginge es zurück, endlich zurück, nach Hause. Die Bäume zu beiden Seiten der Strecke sind nicht zurückgewichen, warum sollten sie auch, ab und zu ein Bahnwärterhäuschen. Begeisterung über ein paar Rehe auf einer kleinen Lichtung reiht sich an Trauer über vom letzten Sturm geknickte Birken … Wie hält man diesen Ansturm der Erinnerungen, der Gefühle eigentlich aus?

Als wir schließlich angekommen sind – ANGEKOMMEN SIND! – stelle ich kurzerhand das Fahrrad an die Backsteinmauer des alten Bahnhofsgebäudes, laufe Paul davon, drehe mich vor Freude im Kreis, beide Arme ausgebreitet, so dass der Wind zwischen meine geöffneten Finger fährt. Genau so habe ich diesen Ort in Erinnerung:

Da haben wir Bucheckern gesammelt, da Eicheln! Da haben wir Fangen gespielt, da Versteck…!

Komm, sagt Paul, wir sollten vor Einbruch der Dunkelheit unser Zelt aufgebaut haben!

Die Fahrt zum Zeltplatz am Gruber See führt die Güstrower Chaussee entlang.

Nach einer Weile biegen wir nach Osten ab und fahren in einen kleinen Waldweg. Dann endlich sind wir da. Während Paul an der Rezeption die Formalitäten erledigt, habe ich längst Rad und Gepäck abgestellt, meine Schuhe und Socken ausgezogen und laufe hinab zum Seeufer. Es dauerte nicht lange, bis Paul neben mir steht und seinen Arm um meine Schultern legt. Ich tauche einen Zeh in das eiskalte Wasser ein, dann beobachten wir Schwäne, die nicht weit vom Ufer entfernt gemächlich ihre Abendrunden drehen.

Nein, den lange vermissten und überall gesuchten Duft nach frisch geteerten Booten werde ich auch hier nicht finden. Aber – die Luft. Paul, riechst du das?

Paul schlägt indessen nach Mücken, die es auch hier gibt, und kann deshalb meine romantischen Gefühle zu diesem Zeitpunkt noch nicht teilen.

Gemeinsam bauen wir das Zelt auf. Außer uns sind nur einige andere Bewohner auf dem Platz. Ein paar Kinder sehen uns neugierig beim Hausbau zu, bestaunen unsere Fahrräder, rennen dann in unterschiedliche Richtungen davon.

Es ist noch hell genug, wir haben Glück. Kaum haben wir uns auf dem Platz eingerichtet und das Zelt gut verschlossen, fahren wir in den Ort. Den Weg zurück kennen wir jetzt ja. Die letzte, die entscheidende Strecke, die habe ich in Erinnerung, als sei ich sie am frühen Morgen erst das letzte Mal gegangen.

Dann stehen wir endlich vor dem Haus, in dem ich geboren bin, das ich vor nun 40 Jahren und 3 Monaten unvorbereitet verlassen musste. Es ist nicht zu übersehen, wie es da seit über hundert Jahren steht, eingekeilt zwischen Rathaus und der alten Kirche, die im Laufe ihres über 700-jährigen Bestehens so manchen Brand und auch manche weltanschauliche Umwälzung erfahren hat. So, genau so habe ich es in Erinnerung. Im Erdgeschoss links die Apotheke des Großvaters, rechts der Elektroladen, darüber unsere Wohnräume. Wiedererkennen, Erinnerungen. Nie hatte ich in der Vergangenheit daran gedacht, diesen Ort und dies Haus jemals wiederzusehen.

Ich nehme die Aufzeichnungen meiner Mutter, die sie wenige Jahre vor ihrem Tod über den Ort und das Haus verfasste, zur Hand und lese:

Um 1800 als Unterkunft für durchreisende Fürstlichkeiten erbaut, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Apotheke darin eingerichtet. Doch waren die Spuren früherer Eleganz nicht völlig verloren; man konnte sie noch erkennen in der großzügigen Konzeption des Hauses, der breit geschwungenen Treppe und der Anlage der oberen Räume, die - fünf an der Zahl – groß, hoch und durch weite Flügeltüren miteinander verbunden waren. Unvorstellbar erscheint einem heute seine Weitläufigkeit mit 14 Zimmern, Küchenräumen im Seitentrakt, Nebengelass jeder Art, einem riesigen Dachboden und etlichen Wirtschaftsgebäuden.

Es ist alt geworden, das Haus meiner frühen Kindheit. Der grau gewordene Putz hat hier und da Risse bekommen. Falten könnte man diesen Alterungszustand auch nennen, vergliche man ein altes Haus mit einem lebenden Wesen.

Dennoch hat sich etwas verändert. Ernüchterung tritt an die Stelle von wehmütiger Träumerei. Das Gebäude beherbergt nun ein medizinisches Zentrum, so etwas wird das Landambulatorium sein.

Das äußere Bild deckt sich weitgehend mit dem Erinnerten, ist auch nicht geschrumpft, wie man es oftmals bei anderen späten Begegnungen feststellt. Oder – bin ich wieder klein geworden? Mit Kinderschritten nähere ich mich der Schwengelpumpe, die eben noch mitten auf dem Marktplatz stand. Nein, zum Wasserholen taugt sie wohl nicht mehr, aber sie birgt eines der kostbarsten Kleinodien, die es hier zu sehen gibt: unter ihrem schräg aufliegenden Haubendeckel hat ein Vogel sein Nest gebaut. Vielfaches Piepsen ist zu hören, und ab zu fliegt die Vogelmutter herbei, um ihre Kleinen zu versorgen. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, kann ich sogar ein kleines bisschen hineinsehen.

Wir sollten noch eine Kleinigkeit essen, sagt Paul da und reißt mich aus meiner Erinnerung. Nein, eine Pumpe gibt es hier nicht, kann mich nicht erinnern, wird uns kurze Zeit darauf die Bedienung im Nordischen Hof sagen. Dies Traditionshaus liegt schräg gegenüber meinem Geburtshaus. Wir haben uns je ein Lübzer Pils bestellt, dazu einen „Strammen Max“.

Dies kleine Gericht auf der Speisekarte zu entdecken, überrascht uns. Wir ertappen uns schon hier bei dem Gedanken, Speisen und Getränke auf Ost- bzw. Westtradition zu unterscheiden. Dass wir dabei gar nicht so danebengetippt haben, erfahren wir etwa eine Stunde später, auf dem Rückweg zum Zeltplatz.

An einer Straßenkreuzung hat sich ein Imbisswagen aufgebaut. „Hamburger Grill Spezi“ ist schon von weitem in roten Buchstaben über dem weiß angestrichenen Fahrgeschäft zu lesen. Paul hat noch Hunger, also machen wir Halt. Gut acht Wochen sind erst seit der Währungsangleichung am 1. Juli vergangen – und schon haben unsere guten alten westlichen Marktmechanismen voll zugeschlagen: Eine Currywurst kostet 3 Mark 50, das ist immerhin eine Mark mehr als am teuersten Wurststand auf dem Elberfelder Wochenmarkt. War es unvorsichtig, dies flüsternd zu erwähnen?

Na und“, entgegnet die Verkäuferin schnoddrig, „in Plau bezahlen Sie 4 Mark!“

Bei unserem vorläufigen Domizil auf dem Campingplatz angekommen, drehen wir das Zelt so, dass die Öffnung zum See hin zeigt. Ich möchte gleich morgens diesen wunderschönen Ausblick haben: Auf der gegenüberliegenden Seite das kleinstädtische Panorama mit Häusern und dem Kirchturm und dem Wissen, dem allen ganz nah zu sein.

In der Nacht fällt ein heftiger Regen.

 

1Ein Tippfehler macht hieraus in der ersten Version dieser Aufzeichnungen unversehens „Wider“-Vereinigung

 

2. Donnerstag, 6.9.1990

 

Die Nacht verlief alles andere als störungsfrei. Ein paarmal befürchteten wir, der Regen könnte unser kleines Zweimannzelt mit sich, in den See hinaus reißen. Als es hell geworden ist, nehme ich meine Siebensachen, um ins Waschhaus neben der Anmeldung zu gehen. Ab acht Uhr stehen die Roma-Frauen, die hier mit ihren Familien eine vorübergehende Bleibe gefunden zu haben scheinen, Schlange und drängeln sich vor dem einzigen Warmwasserhahn. Ich fühle mich nicht besonders wohl, beim Waschen von den Frauen beobachtet zu werden. Ich nehme mir also vor, in den nächsten Tagen entweder noch früher aufzustehen oder in der Sanitärbaracke, die weiter oben, schon etwas außerhalb des Zeltplatzes liegt, zu duschen. Dann eben kalt.

Nach dem Frühstück, das aus dem restlichen Reiseproviant besteht, wollen wir endlich den Ort bei Tageslicht erkunden. Wenige Tage stehen mir zur Verfügung, um in das Guckloch meiner Kindheit zu sehen, bestenfalls Antworten zu bekommen auf längst verschüttet geglaubte Fragen.

Unsere Räder stellen wir wieder auf dem Bahnhofsvorplatz ab. Von hier sind es nur wenige Minuten ins Zentrum. Einige Läden haben bereits geöffnet, und so können wir uns ein paar notwendige Lebensmittel besorgen.

Wieder auf dem Marktplatz, sehe ich mich um. Warum lächelst du? fragt Paul. Ich sehe mir die Hauseingänge an, entgegne ich. Bei meinen Streifzügen durch den Ort und an den See habe ich hier früher meine Schuhe abgestellt, um barfuß weiter zu stromern. Wie alt warst du da? Paul scheint amüsiert. Wir sind weggegangen, als ich fünf war. Da kannst du dir ausrechnen, wie alt ich gewesen sein muss.

Wieder diese Erinnerungen! Sie kommen an diesem Ort ungerufen, es ergibt sich einfach so. Vielleicht muss das ja so sein, um einen derart frühen Verlust verstehen zu lernen, um unbeschadet damit weiterleben zu können?

Ich stehe nun mit dem Rücken zu dem Haus, das nun nicht mehr mein Haus ist, erzähle vielleicht zum ersten Mal von meinen frühkindlichen Erkundungstouren, die von hier aus ihren Ausgang nahmen. Bei Schuster Wilken gegenüber bekam ich einen Apfel als Wegzehrung mit, Hasenköppe hat er sie genannt; beim Bäcker gleich um die Ecke, auf dem Weg zum See, ein Roggenbrötchen. Und – dich hat niemand vermisst? will Paul nun wissen. Ich erinnere es nicht, antworte ich.

 

Wir stehen nun vor der Auslage des kleinen Schuhgeschäfts. Hier muss es gewesen sein, sage ich. Lass uns hineingehen und fragen, meint Paul kurz entschlossen. Bin ich mir aber der Tatsache bewusst, dass nichts mehr ist, wie es einmal war, als ich Paul zunächst zustimme? Schuster W. sei bereits in den frühen fünfziger Jahren bei dem Großbrand am Bahnhof als Feuerwehrmann ums Leben gekommen – diese Nachricht hatte uns damals durch alle Grenzen hinweg an unserem ersten Wohnort nach der Flucht erreicht. Noch zögere ich, den Klingelknopf zu drücken. Lass uns erst zum Bahnhof gehen, schlage ich dann vor, wir wollten doch morgen nach Güstrow fahren?

Am späten Vormittag stehen wir ein weiteres Mal vor dem Haus mit der Nummer 15. Die alte Dame hinter dem Ladentisch kann mit meinem Gesicht nichts anfangen. Ruft dann in die dahinter liegende Wohnung, die Tochter möge doch einmal kommen, da sei jemand, der sie sprechen wolle.

Die Frau, die uns nun gegenübersteht, erkenne ich ebenso wenig wie sie mich. Ich erkläre mich kurz, indem ich meinen Namen nenne, und sofort hellt sich ihr Gesicht auf.

Wir werden in die Wohnstube gebeten, ein zweckmäßig eingerichtetes kleines Zimmer, ein Kachelofen. Dennoch kommen wir uns in dieser Umgebung vor, als kämen wir auf direktem Weg vom Mars. Vielleicht kommen wir ja auch vom Mars und wissen es nur noch nicht?

Es dauert nicht lange, bis die anfängliche Distanz geschwunden ist, aus einem „wissen-Sie-noch“ – und „wie-hat-sich-doch-alles-verändert“-Gespräch geraten wir unversehens in eine knappe Bestandsaufnahme der neuesten Ereignisse, die während der vergangenen Monate über dies Land gekommen sind.

  1. Wir erfahren nun auf direktem Weg davon, was wir aus den Fernsehberichten und den Zeitungen im Westen bereits zu kennen glaubten. Vom so genannten Begrüßungsgeld, das in den ersten Monaten nach der Grenzöffnung in der BRD ausgezahlt wurde, dann vom Erlebnis des ersten Einkaufs bei ALDI in Lübeck. Weiter erfahren wir von der großen Hoffnung in die mit der Währungsunion und der absehbaren Vereinigung beider Landesteile im kommenden Monat absehbaren Veränderungen. „Zumindest müssen wir uns jetzt nicht mehr beeilen, das West-Fernsehprogramm der kommenden Tage vom Bildschirm abzuschreiben“, sagt Edda P., das gebe es jetzt ganz legal im Zeitschriftenhandel zu kaufen. Herr P. überlegt laut: „Vielleicht kann man ja in Zukunft den Tourismus ausbauen und als Hauptwirtschaftsfaktor ins Auge fassen? Nachdem die VEB Binnenfischerei Schwerin, Betriebsteil Krakow am See aufgelöst worden ist, braucht der Ort dringend neue Einnahmequellen. Eine Golfanlage für zahlungskräftige Touristen kann ich mir zum Beispiel gut vorstellen.“

  2. Wir sind skeptisch, kennen wir doch eine völlig andere Lebensrealität. Vielleicht haben diese Menschen aber Glück und ihre Hoffnungen erfüllen sich? Wir wünschen es ihnen. Voller neu gewonnener Eindrücke verabschieden wir uns und versprechen, wiederzukommen.

 Als wir den kleinen Laden gegen Mittag verlassen, um uns endlich mein Geburtshaus von hinten anzusehen, stehen wir unversehens vor einer Konkurrenz unserer Gastgeber: An der Stelle, wo in meinen Kindertagen noch Kastanien und Rotdorn standen, auf dem kleinen Platz zur rechten Seite der Kirche, sind inzwischen Tapeziertische mit Billigschuhware aufgebaut worden, hinter denen vietnamesische Händler auf Kundschaft warten.

Wir gehen weiter und überqueren den Kirchplatz. Gleich hinter der Kirche müsste der Zugang zum Garten des ehemaligen Wohnhauses meiner Familie sein. In meiner Erinnerung ist es ein großzügiger, weitläufiger Garten, in dem unsere Mutter in den Nachkriegsjahren vor allem Gemüse anbaute. An der Mauer, die an das Rathaus grenzte, standen Kaninchenställe, und in der Ecke an der hinteren Mauer befand sich noch immer die alte Gartenlaube, die zum sonntäglichen Kaffetrinken ebenso wie zum einträchtigen Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel diente.

An der Stelle, wo einst die Laube stand, ist nun ein freier Durchgang, unser ehemaliger Garten ist eine staubige Brache, auf der Autos parken.

Was anderes hätte ich nach vierzig Jahren der Abwesenheit erwarten können? Wenige Jahre nach Verlassen des Hauses vollzog sich die offizielle und amtlich dokumentierte „Enteignung“ und „Überführung in Volkseigentum“ wegen „Verlassens des Geltungsbereichs der DDR, ohne im Besitz der erforderlichen Ausreisedokumente zu sein“. Währenddessen zogen wir wie ruhelose Migranten von einem Ort im Westen zum anderen, wurden nur selten einige Jahre am Stück sesshaft, ohne irgendwo richtig heimisch zu werden.

Ein zu hoher Preis für den Verlust von Heimat?

Ich möchte fotografieren, doch der Rollfilm ist zuende. Eine helle Stimme, die zu einer blonden jungen Frau gehört, fragt uns aus einem geöffneten Fenster heraus, was wir hier zu suchen hätten? Ich rufe ihr zu – und sie versteht mich erst beim zweiten Mal – ich sei hier, in diesem Haus, geboren. Da ändert sich ihre Stimmlage, und in freundlichem Ton bittet sie uns, einzutreten. Sie sei die Tochter des leitenden Arztes, MR Dr. Sch., wir sollten doch bitte ins Haus kommen.

Nicht lange dauert es, bis ein jüngerer Arzt, Herr Dipl. med. R., der ebenfalls hier arbeitet, sich zu uns gesellt hat und die Führung durch das Haus übernimmt. Mit Rührung sehe ich bald darauf mein Geburtszimmer im ersten Stockwerk, daneben den „Salon“, unser ehemaliges Wohnzimmer. Streichle das geschwungene, weiß gestrichene Treppengeländer, das die Etagen miteinander verbindet, suche den weitläufigen Dachboden, auf dem wir Kinder früher hin und wieder gespielt haben und finde ein ausgebautes Dachgeschoss mit Atelierwohnung. Sie werde als Aufenthaltsraum für das medizinische Personal genutzt, erfahren wir. Wären wir hiergeblieben, geht es mir nur einen Augenblick lang durch den Kopf, so wäre dies mit Sicherheit mein Schreibzimmer geworden.

Als wir zur Haustür geleitet werden, nehme ich flüsternd endgültigen Abschied von meinem Haus, bin für einen Augenblick lang überzeugt davon, es könne sich an meine Kinderstimme erinnern.

Heute ist unser zweiter Tag in Krakow, das heißt aber auch, es liegen nur noch fünf Tage vor uns. Es gilt also, möglichst viele Eindrücke zu gewinnen und in den Köpfen wie auch in den Notizblöcken mit nach Hause zu nehmen.

Nach einer kurzen Ruhepause sitzen wir wieder auf den Fahrrädern. Wir haben uns eine Rundfahrt um den Krakower Binnensee vorgenommen und fahren zunächst in Richtung Osten. Ab und zu steigen wir ab und schieben die Räder, denn der Weg wird beschwerlich und führt einmal durch morastiges, dann durch sandiges Gelände.

Am Wadehäng, einem Damm, der den Krakower See in zwei Gewässer teilt, überqueren wir die Grenze zwischen Binnen- und Obersee, danach fahren oder gehen wir am Ostufer gen Norden, vorbei an Neu Dobbin, in Richtung Serrahn.

Fallobst liegt auf dem Weg, grüne und mattblaue Schlehen in den Büschen wecken die Erinnerung an Ausflüge meiner frühen Kindheit. Ich kniete in der Kinderkarre, um auf keinen Fall etwas zu verpassen, um die bestmögliche Weltsicht auszukosten. Es riecht nach Herbst und nach Tang, wie zu Kinderzeiten. Möwen kreischen und ziehen ihre eingeübten Bahnen über dem See.

Paul kickt eine Flasche vom Weg. Erst jetzt fällt uns auf, dass der Feldweg zu beiden Seiten mit Leergut markiert ist. Bierflaschen, noch mehr Schnapsflaschen. In Serrahn angekommen, entdecken wir des Rätsels Lösung: Hier befindet sich, so lesen wir bald auf einem Hinweisschild, eine „Heilstätte für Suchtkranke“ der evangelischen Kirche. Dies erklärt einiges.

Es beginnt es zu nieseln, also wird es heute nichts werden mit der Weiterfahrt ins Naturschutzgebiet Nebeltal, nach Kuchelmiß. Und so nehmen wir den kürzeren Weg zurück zum Zeltplatz, gen Westen. Auch hier die leeren Flaschen in den Büschen und Gräben zu beiden Seiten des Weges. Wir beachten sie nicht länger, steigen auf die Räder und beeilen uns, ins Trockene zu kommen.

Kaum sind wir auf dem Platz am Gruber See angekommen, regnet es stärker. Wir mieten uns jetzt eine der Holzhütten. Sie ist fast gemütlich eingerichtet, wir haben hier alles, was wir zum Urlauben brauchen: Zwei Liegen, einen Tisch, Stühle. Sogar ein Spülbecken ist vorhanden. Leider stimmt etwas mit dem Schloss nicht – es schließt nicht richtig.

Du spinnst, sagt Paul, als ich die Fahrräder nachts in die Hütte hole.

 

3. Freitag, 7.9.1990

 

Morgens, Paul ist noch in der Waschbaracke, mache ich einen Rundgang über den Zeltplatz. Es ist ein weitläufiges, scheinbar offenes Gelände. Dennoch wird mein früher Spaziergang nach einigen Minuten von einem Maschendrahtzaun begrenzt. Glücklicherweise ist er nicht mehr ganz neu – anders hätten die paar Hühner, die jetzt, laut gackernd, vor dem menschlichen Eindringling in alle Richtungen auseinanderstieben, keinen Durchschlupf gefunden.

An einer anderen Stelle haben sich die Zweige eines Tomatenstrauchs den Weg durch eine Lücke im Zaun gebahnt. Die Früchte, die daran hängen, sind teils halbreif, teils werden sie in früheren Stadien, von der Blüte bis zur kleineren, noch grünen Knolle an den leicht pelzigen Stielen von den Blättern geborgen. Ich bücke mich, stecke meine Nase tief in den Strauch, atme diesen fast vergessenen, herbsüßen Duft ein und wage es dann, eine der bereits prallen Früchte vom Stiel zu drehen. Beim ersten zaghaften Hineinbeißen erlebe ich dann das über lange Jahre nicht mehr erfahrene sensorische Ereignis einer geschmackvollen Tomate.

Eine Mauer musste fallen, Grenzen mussten geöffnet werden, damit diese sensationelle Begebenheit, wenige hundert Kilometer nur von niederländischen Gewächshäusern entfernt, stattfinden kann.

Meine kindliche Begeisterung kennt keine Grenzen.

Nach dem Frühstück fahren wir wieder in den Ort. Heute sind wir auf der Suche nach einem Fahrradgeschäft – ein Kabel an meinem Rad hat sich gelöst. Wir erkundigen uns und bekommen eine Adresse in der Ernst-Thälmann-Straße genannt. Da in diesem Ort alle Straßen nah beieinander liegen, finden wir das Geschäft recht bald. Wir kaufen eine Rolle roten Isolierbands, um das nun außen am Rahmen entlangzuführende Kabel zu fixieren. Der Blick auf die Herstellerfirma, Coroplast, amüsiert – das vermeintliche Ostprodukt wurde in Wuppertal hergestellt, der Stadt, die wir drei Tage zuvor erst verlassen haben.

Als wir aus dem Fahrradladen kommen, steht ein Großvater mit seinem Enkelkind neben unseren abgestellten Rädern und begutachtet sie.

Beim Erklären, warum die doppelte Beleuchtung, warum die Reflektoren in den Speichen und an den Pedalen, das sei seit Kurzem erst Vorschrift bei uns im Westen, nickt der Alte verständnisvoll und sagt: Das wird denn man bei uns auch so kommen!

Wir kommen uns in dieser Rolle ein wenig hilflos vor, wie Touristen in einem Entwicklungsland.

Ein paar Hauseingänge weiter sitzt eine alte Frau mit Kopftuch auf den Stufen ihres Hauses und bietet Möhren zum Kauf an. Wurzeln haben wir sie genannt, als wir noch hier lebten. Gelbe Rüben dann im Schwarzwald, im Rheinland wie auch im Bergischen Land und später in Hessen sagten wir Möhren, Mohrrüben oder, neutral und überall verständlich, Karotten. So sehr es mich reizt, ich kaufe nicht, um nicht durch meinen veränderten Sprachgebrauch und die damit zusammenhängende Unsicherheit als Fremde aufzufallen. Obwohl man es mir doch ansehen muss.

Zu einem späteren Zeitpunkt, als ich im Blumengeschäft eine sorgfältig ausgesuchte Pflanze für die alte Frau Wilken vom Schuhgeschäft kaufe, geht mir die ungewohnte Vokabel Plaste ganz einfach über die Lippen.

Zurück in der Langen Straße – sie mündet in den Markt und findet ihre Verlängerung in östlicher Richtung als Plauer Straße – bekommen wir zum ersten Mal Einsicht in das Kindergartensystem der DDR: Ein hölzerner Ziehwagen, in dem sich acht Kleinkinder in Zweiergruppen mehr oder weniger brav gegenübersitzen, fährt langsam an uns vorbei. Die Kindergärtnerinnen sehen sich beim Ziehen die Schaufenster an und unterhalten sich über die Auslagen. Ich sehe ihnen eine Weile nach, wie sie in Richtung Plauer Straße weiterziehen. Dort in der Nähe könnte mein Kindergarten gewesen sein.

Erinnerungen an meine eigene Kindergartenzeit in diesem Ort sind unvermeidlich. Ich schließe die Augen, sehe, rieche und höre:

Es ist Sommerfest. Die Kindergärtnerinnen und auch einige Mütter haben sich viel Mühe gegeben, eine Anzahl bunter Büdchen zu errichten, an denen für rosenrote, maisgelbe und auch für veilchenblaue Papiertaler als Spielgeld wahre Wunderdinge zu erleben sind. Sackhüpfen und Topfdeckelschlagen, Ringe werfen und Blindekuhspielen. Papierne Windmühlen an Holzstöcken gibt es zu gewinnen, aber auch Glanzbildchen und Lutschbonbons. Die Sommersonne scheint, ein riesengroßer Kirschbaum schützt mit seinem rosawattenem, vanilleduftenden, vogelzwitschernden Blütendach das fröhliche Treiben und alle, alle, Kinder wie Erwachsene, sind unbeschwert und glücklich an diesem besonderen Tag. Meine große Schwester und ich sitzen auf der Wippe, sechs und vier Jahre sind wir alt. Wir lächeln den Fotografen an, der sich vor uns auf der Wiese in Pose gestellt hat. Beide tragen wir kurzärmlige, luftige Kleidchen, eines rosa, eines blau. Unsere auf Hochglanz polierten Lederhalbschühchen stammen aus Westpaketen, aus jenem anderen Land, von dem Mutti uns so oft erzählt hat. Es muss so weit entfernt sein wie jenes rätselhafte Land „Paris“, aus dem eines Tages, zu einer Zeit, die die Erwachsenen mit Krieg bezeichnen, ein Mann namens „Vati“ den Stoff für die Kleidchen mitgebracht hat, die wir nun zum ersten Mal anhaben. An diesem strahlenden Kindersommertag des Jahres 1949.

Du träumst schon wieder, sagt Paul.

Es war schön hier, entgegne ich. Als Kind habe ich nie verstanden, warum das alles mit einem Mal aufhören musste. Hatte ich mir doch nichts dabei gedacht, das fröhliche Lied, das wir eines Tages zu Ehren von Stalins Geburtstag erlernten, zu Hause weiter zu singen. Die große, nie beantwortete Frage nach unseren Fluchtgründen hat sich mir in den Folgejahren oft genug gestellt.

Ich erkundige mich nach „meinem“ Kindergarten, erfahre lediglich, wo der Friedhof ist, in der Plauer Chaussee. Zuvor kommen wir an der ehemaligen Synagoge vorbei. Sie ist, das habe ich gelesen, in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts für die kleine jüdische Gemeinde des Ortes aus gelbem Backstein errichtet worden, überlebte als eine der wenigen Synagogen Norddeutschlands die Schreckenszeit des Nationalsozialismus. Der Grund hierin lag sicherlich in der Tatsache, dass die Krakower Juden ihr Gotteshaus im Jahr 1921 dem Arbeiter- und Sportbund als Turnhalle übergeben haben sollen.

Wir versuchen, einen Blick durch die Fenster zu werfen, um bestenfalls den Sternhimmel erkennen zu können, von dem Mutter uns Kindern manches Mal erzählte. Nein, wir können weder durch die halbblinden Fensterscheiben sehen noch erkennen wir die erhofften Details.

Als Nächstes taxiere ich die einzeln stehenden Wohnhäuser in der Plauer Chaussee, rufe hin und wieder aus: „Hier könnte es gewesen sein, ich bin mir fast sicher!“, doch auch mehrere von mir angesprochene Passanten können mir nicht weiter helfen. Kindergarten? Nein, kenne ich nicht. Am Jörnberg vielleicht?

Ich sehe, dass ich hier in der Gegend mit meinen Nachforschungen nicht weiterkommen werde.

Nach wenigen Minuten sind wir auf dem kommunalen Friedhof angelangt. Eine Frau im Hauskittel fegt auf halber Höhe des leicht hügeligen Geländes Laub zusammen. Nein, sie sei keine gebürtige Krakowerin, sondern in den Fünfzigern aus Schlesien zugezogen. Nein, wo hier ein Kindergarten sei oder gewesen sein soll, weiß sie auch nicht. Sie habe keine Kinder. Kümmert sie sich deshalb um die Toten? Mit Inbrunst scheint sie ihre selbst auferlegte Arbeit zu gestalten: säuberlich parallel verlaufende Rechenmuster sind in den feinen Sand, in die bei noch frischen Gräbern aufgeschüttete dunklere Erde geharkt.

Nach dem Jüdischen Friedhof gefragt, erzählt sie uns zunächst, er werde von Schulklassen der Krakower Schule gepflegt. Dann zeigt sie uns den Weg dorthin. Er führt auf eine kleine Anhöhe, die man erreicht, sobald man an den kommunalen Grabstätten vorbeigegangen ist. Wir verabschieden uns und stehen bald vor einem etwas morschen Holzzaun. Auf einer Hinweistafel ist ein mit der Spitze nach unten zeigende Plakette in Blau und Weiß angebracht, das Emblem der Haager Konvention von 1954 zur Kennzeichnung von geschütztem Kulturgut. 1937 soll hier die letzte Beerdigung stattgefunden haben. Der älteste Grabstein stammt von 1829, daraus lässt sich ungefähr das Datum der Entstehung des Friedhofs schließen.

Leise, als könnten wir die Totenruhe stören, betreten wir den Sandweg, der an den Gräbern vorbeiführt. Bewegen uns mit vorsichtigen Schritten von Grabstein zu Grabstein, auf denen hebräische Schriftzüge teilweise noch gut zu erkennen sind. Empfinden die Würde dieser Stätte mit einem leichten Schaudern.

Fröhliches Vogelzwitschern aus den Fliederbüschen ruft uns in die Wirklichkeit zurück. 

Wieder auf der Chaussee angekommen, ist es nicht mehr weit zur Kaufhalle. Auf diese Einkaufsmöglichkeit hatte uns die Frau auf dem Friedhof hingewiesen. Ich gehe in den Verkaufsraum, sehe mich um. Paul möchte ganz schnell wieder raus, er mag das nicht, wenn ich mich so lange in Geschäften aufhalte. Er beachtet auch nicht mein Argument, dies sei nicht das übliche „Umschauen“ in einem Kaufladen und verzieht sich vor die Eingangstür. Als sei es ein alltäglicher Vorgang in meinem Leben, nehme ich einen Würfel „Sonja“-Margarine aus dem Regal, dazu ein Glas Kunsthonig und ein paar andere Artikel des täglichen Bedarfs. Bezahle an der Kasse und komme mir diesmal nicht exotisch, sondern fast schon dazugehörig vor.

Wieder vor dem Laden, noch auf der Treppe, sticht mich eine Wespe in den Handrücken. Ein unbedachter Kraftausdruck, und ich sehe in die Augen eines zutiefst erschrockenen kleinen Mädchens, das von der Mutter sofort weggezerrt wird. Verräterische Sprache!

Zurück auf dem Zeltplatz, gehen wir zum ersten Mal in den HO-Laden, der wenige Meter oberhalb des Geländes für die täglichen Bedürfnisse der Camper eingerichtet ist. Wir brauchen noch Zahnpasta und Saft. In den Regalen finden wir „Putzi“-Kinderzahnpasta und „Florena“-Handcreme, dazu in Gläsern eingewecktes Gemüse, genannt „Letscho“, wie wir es bisher nicht gesehen haben. Auf dem Weg zur Kasse entdecke ich in einem Regal winzige Gummipüppchen von der Art, wie ich sie als kleines Kind kannte und vielleicht auch besaß. Ich kaufe eines mit blauem, eines mit rosa Kleidchen für das Puppenhaus, das ich mir nach dem Tod meiner Mutter nach und nach eingerichtet habe. Vielleicht ja als Ersatz für das nie im späteren Leben bewohnte. Ein Roma-Kind beobachtet mich mit großen Augen.

Kaum haben wir den Laden wieder verlassen, entdecken wir einen Hinweis auf die SERO-Flaschensammelstelle hinter den Toilettenbaracken. Das ist neu für uns – ökologisches Denken und Handeln schien „bei uns“ die seit etwa zehn Jahren bestehende ökologische Partei gepachtet zu haben. Als wir uns dies vorbildliche System „made in GDR“ näher ansehen wollen, finden wir neben der Sammelstelle kreuz und quer liegende leere, teils bereits zerbrochene Flaschen vor, manche davon in bereits durchweichten Kartons.

Ein besseres Sinnbild für ein System in Auflösung fällt uns in diesem Moment nicht ein.

In der taz werden wir am 12.9.90 lesen:

... damit (gemeint ist das SERO-Recyclingsystem der DDR – Einfg. Verf.in) scheint es erstmal ein Ende zu haben, nachdem bekannt wurde, daß nun auch die Berliner SERO-Annahmestellen ab Dienstag bis auf Alttextilien und Schrott alle Altstoffe nur noch abnehmen, aber nicht mehr bezahlen können. Ein international anerkanntes Recyclingsystem scheint damit auseinanderzubrechen. „Wie überall im Land fehlt es auch uns an Geld, wir können nicht mehr aufkaufen, nur noch entgegennehmen"“ berichtete Wolfgang Wünsche, Geschäftsführer der Berliner SERO-Recycling GmbH i.G. Bis dato wurden die Aufkaufpreise staatlich subventioniert. (...)

 

Später am Tag fahren wir, wie geplant, mit dem Zug nach Güstrow. Im Gepäck haben wir den handlichen Polyglott-Reiseführers „Deutsche Demokratische Republik“, die ganz offensichtlich noch nicht aktualisierte neueste Auflage.

Während der ersten Fahrt seit vierzig Jahren in diese Richtung stellen sich wie von selbst Erinnerungen ein an frühere Fahrten in die Kreisstadt und daran, wie lange das immer gedauert hat, genau wie jetzt.

Sobald wir in Güstrow angekommen sind, finden wir den Weg in die Innenstadt ohne große Probleme. Ist es vielleicht ein erinnerter Plan? Von Zugvögeln ist ein ähnlicher Orientierungssinn bekannt und auch erforscht. (Paul, der in noch jüngerem Lebensalter als ich seine ostdeutsche Heimat verlassen musste, meint zu diesem spontan geäußerten Einfall, darüber hätte er sich auch schon Gedanken gemacht. Die Zielsicherheit, mit der du dich hier auskennst – als seist du überhaupt nicht fort gewesen!)

Vom Bahnhofsvorplatz aus geht es ein Stück weit durch die Eisenbahnstraße, und wir wundern uns über die heruntergekommen wirkenden Gebäude. Vor einem Kino, der „Schauburg“ lungern Jugendliche herum. Wir biegen dann in eine Art Einkaufsstraße ein – sie hält durchaus den Vergleich mit den Fußgängerzonen bei uns im Westen statt.

Kurz danach lassen wir das stattliche Postgebäude mit dem historischen blauen Briefkasten aus Kaisers Zeiten hinter uns und gehen ein Stück weit die Straße des Friedens entlang, bis wir auf den Markt stoßen. Unsere Begeisterung für die alten Kaufmannshäuser, die diesen beschaulichen Platz säumen, ist unbeschreiblich.

Danach suchen wir den Dom, finden ihn auch recht bald. „Der Schwebende“ von Barlach ist unser Ziel. Ein kleines Grüppchen meist älterer Menschen hat sich um das schmiedeeiserne Gitter gruppiert, über dem der Engel in einer Nische des Doms trotz seiner materiellen Schwere zu schweben scheint. Für uns, die wir unweit der rheinischen Metropole Köln leben, ist dies Kunstwerk kein unbekanntes: Die kleine evangelische Antoniterkirche in der Schildergasse beherbergt den Zweitguss der Skulptur, deren Original, einst zum Gedenken an die Toten des Ersten Weltkriegs geschaffen, im Jahr 1937 von menschenverachtenden Kunstbanausen im Auftrag des Hitlerregimes abtransportiert und später eingeschmolzen wurde.

Welch ein Zynismus doch! Wir sehen uns an und denken vermutlich dasselbe: Wie wahrscheinlich ist es, dass aus dem Schmelzprodukt tödliche Waffen für den auf den ersten folgenden Zweiten Weltkrieg hergestellt wurden?

Irgendwann sind wir müde vom Herumlaufen, mannigfache Eindrücke müssen verarbeitet werden. Zudem sind wir hungrig.

Ganz so, als hätten wir Wuppertal nie verlassen, sind auch hier inzwischen die Imbissbuden wie Pilze aus dem Boden geschossen: Currywurst, Pommes Frites – eben all jene ungesunden Leckereien, die auch hier und jetzt Pauls Magen erfreuen könnten … Allerdings heißen die ebenfalls feilgebotenen halben Hähnchen liebenswerter Weise immer noch „Broiler“.

Wie lange wohl noch?

 

 

4. Sonnabend, 8.9.1990

 

Rostock! Als ich ein sehr kleines Mädchen war, hat unsere Mutter uns eines Tages auf die lange Reise ins nördlich gelegene Rostock mitgenommen. Eine Tante lebte dort, ich glaube, es handelte die um ihre letzte überlebende Verwandte überhaupt. Erst jetzt kommt mir der Gedanke, es habe sich bei diesem für uns Kinder ersten Kennenlernbesuch zugleich um ein endgültiges Abschiednehmen gehandelt, denn es dauerte nicht mehr allzu lange, bis wir unseren Heimatort für immer verlassen mussten. Wenige Jahre später ist Tante Erna gestorben.

Daran erinnere ich mich jetzt, als wir an diesem vierten Tag unseres Aufenthalts in Mecklenburg wieder einmal im Zug sitzen. Wie auch am Vortag müssen wir zunächst nach Güstrow fahren, um von dort aus wieder ein Stück auf der Strecke zurückzufahren, über Priemerburg. Von hier aus führt uns die Bahn in Richtung Nordwesten, durch spärlich besiedelte Landschaft. Hin und wieder passieren wir nicht enden wollende Acker- und Wiesenflächen, dann wieder Grün, und auch hier begeistert uns nicht aus der Ruhe zu bringendes Wild, das an Waldsäumen äst oder einfach nur guckt, als sähe es dem dunkelgrünen Lindwurm nach, der sich durch die Landschaft schlängelt.

In Rostock angekommen, besteigen wir die Straßenbahn in Richtung Innenstadt. Jeder von uns hält erstaunt einen Sechsfahrtenschein in der Hand, auf dem der unglaubliche Preis von „1,00 Mark“ aufgedruckt steht.

In jenem Land, aus dem wir kommen, bezahlen wir für eine Einzelfahrt mehr. Aber das erscheint uns jetzt, an unserem vierten Tag in der Noch-DDR, fast unrealistisch weit entfernt.

Der große Platz, auf dem wir kurze Zeit später stehen, trägt den Namen Ernst Thälmanns. Malerische, aufs Feinste restaurierte Giebelhäuser erinnern ein wenig an den Güstrower Marktplatz, begeistern auch hier. Waren wir vor unserem Besuch in Güstrow noch diskret auf das repräsentative Aufhübschen eines eingegrenzten Innenstadtareals allein aus Anlass des Besuchs von Bundeskanzler Helmut Schmidt im Jahr 1981 aufmerksam gemacht worden, so entfällt hier ein derartiger Verdacht.

Vom Ernst-Thälmann-Platz aus suchen wir den kürzesten Weg zum Hafen. Wenn wir uns schon einmal am Meer beziehungsweise in dessen Nähe befinden!

Als wir die Lange Straße überquert haben, danach die Wokrenter Straße bis zum Alten Hafen geschlendert sind – immer wieder schweifen unsere Blicke ab, denn es liegt so vieles an Neuem, bisher nie Gesehenem zu beiden Seiten unseres Weges – sehen wir ein paar der großen „Pötte“ vor uns am Kai liegen. An Bord herrscht keine sichtbare Betriebsamkeit. Ganz so, als hätte jemand eine Uhr angehalten.

Wir sehen uns ein bisschen um. Unsere Blicke werden bald von einer kleinen Zeltstadt angezogen, die sich unterhalb einiger Lagerhäuser am unteren linken Ende der Wokrenter Straße etabliert hat. Ein Fischmarkt etwa? Wir haben seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und würden nun allzu gerne etwas frisch Gefangenes aus der Ostsee zu uns nehmen.

Der mangelnde Fischgeruch hätte uns stutzig machen müssen: Spartanisch gekleidete Menschen, in der Mehrzahl sind es Männer, stehen teils hinter ihren überdachten Tapeziertischen, teils gehen sie umher oder reden auf Menschen ein, die offenbar ebenso neugierig (oder aber hungrig) waren wie wir. Sehr schnell ist uns klar, um was es sich handelt, kommen wir doch aus Wuppertal, der Stadt, in der gemäß Günter Grass „die Schwebebahn eine Vielzahl wundergläubiger Sekten unfallfrei verbindet“. Allerdings hat uns diese Herkunft auch dickfellig genug gegen derartige allseligmachende Heilsversprechen gemacht, die überwiegend mit der Bitte um eine „kleine Spende“ für die geistige Gemeinschaft verbunden ist – wenn nicht gar mit einer folgenschweren Mitgliedschaft. Steht oder stünde es uns aber zu, die einheimischen „Opfer“ eines Besseren zu belehren, über das wahren Ansinnen dieser unseligen Brüder und Schwestern aufzuklären?

Der Zufall will es, dass ausgerechnet in unserer Reiselektüre, dem „Spiegel“ 36/90, ein Artikel mit der Überschrift „Mun statt Marx“ zu lesen ist:

 

„ … Propheten und Verführer missionieren nun auch die DDR-Deutschen. - ... Führend beim Run auf den Osten sind hierarchisch aufgebaute Glaubensgemeinschaften wie die weltweit operierende rechtsradikale Mun-Sekte und die aggressiven Scientologen, die Multis unter den Psycho-Sekten …“ und, weiter: „… Die Unerfahrenheit von Ostlern machen sich Sekten und Religionsgemeinschaften beim Marketing des Spirituellen zunutze.“

 

Wir drehen den Seelenfischern schnell den Rücken zu und erreichen gerade noch ein Passagierschiff, das kurze Zeit später, mit uns an Bord, gemütlich durch die Untere Warnow gleitet, dann eine kurze Stippvisite in der Ostsee macht und wieder zum Ausgangspunkt zurückfährt. Schade! Wie gern wäre ich weitergefahren! Immerhin haben wir an Bord unseren Hunger etwas stillen können!

Wieder an Land, gehen wir zunächst noch ein wenig am Ufer der Warnow spazieren, um uns dann irgendwann, nach dem Überqueren der Langen Straße, in einer Fußgängerzone wiederzufinden. Die Kröpeliner Straße, so erfahren wir später, ist die erste Fußgängerzone der DDR und besteht bereits seit 1961. Ein weiteres Mal lassen wir uns von der schlichten und gleichzeitig prächtigen Architektur der Bürgerhäuser faszinieren, die nun unseren Weg zu beiden Seiten flankieren.

Wir machen vor dem großzügigen Gebäude der Rostocker Universität (sie ist nach dem ersten und einzigen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, benannt) eine kleine Rast. Erst, als wir unerwartet von ein paar Wassertropfen bespritzt werden und zunächst zweifelnd gen Himmel gesehen haben, nehmen wir den Brunnen wahr. Wie konnten wir ihn überhaupt übersehen! Eine größere Fläche von schätzungsweise fünfzehn Metern Radius, bestellt mit vielerlei Bronzefiguren, Menschen wie Tiere, die sich, teils im Spiel begriffen, teils sich freundschaftlich balgend, teils in eindeutigen Posen, ihres Lebens freuen. Dazwischen aber sprudeln zahlreiche kleine Fontänen aus dem kopfsteingepflasterten Grund, zuweilen schießen sie hoch in die Luft. Wie anders könnte dieser Brunnen auch heißen als „Brunnen der Lebensfreude“, erschaffen von den Künstlern Jo Jastram und Reinhard Dietrich anlässlich der Arbeiterfestspiele 1980.

Die Assoziation zum „Jubiläumsbrunnen“ vor dem damaligen Elberfelder Rathaus liegt auf der Hand: Bereits 1896 aus roten Sandstein errichtet, entrüsteten bei der Einweihung im Jahr 1901 die anatomisch exakt bis ins kleinste Details dargestellten Körper sowohl von Meeresgöttern als auch von Nixen die Bevölkerung derart, dass einige dieser Bürger zu dunkler Stunde aktiv wurden und mithilfe von Stangen und Hämmern ein paar ihrer Meinung nach dringend notwendige, noch heute sichtbare, materialreduzierende Korrekturen am Werk des Künstlers Leo Müsch vornahmen.

Wie mag dies im Falle Rostock gewesen sein? Wir gehen zunächst davon aus, dass eine mit Freikörperkultur eher vertraute Bevölkerung, dazu noch diejenige einer Großstadt, 80 Jahre nach dem Elberfelder Vorfall eher freudige Toleranz an den Tag hat legen können.

Jedes Gefühl für Zeit scheint uns abhandengekommen, als wir weiter durch die Kröpeliner Straße schlendern. Immer wieder bleiben wir vor gut besuchten Buchhandlungen stehen, betreten das eine oder andere Geschäft und genießen die freundliche Atmosphäre dieses Ortes, der uns unser Fremdsein nicht oder kaum spüren lässt.

Die während der vergangenen Tage noch verspürte Barriere zwischen uns „Westtouristen“ und den hier Lebenden scheint aufgehoben, und so nähern wir uns unbefangen einem kleinen Menschenauflauf, der sich mitten in der Fußgängerzone zusammengeballt hat. Wenige Sekunden später stehen wir vor einer Gruppe aufgeregter Jugendlicher, die für den Erhalt ihres Radiosenders DT64 kämpfen. In der taz vom heutigen Tag hatten wir darüber gelesen:

Das DDR-Radio DT64 ist seit heute früh um vier Uhr nur noch im Raum Berlin-Brandenburg zu empfangen. Eine Million der insgesamt 1,5 Millionen HörerInnen des Senders müssen jetzt statt mit dem gewohnten Jugendradio mit dem RIAS vorliebnehmen. / Wie der stellvertretende Chefredakteur von DT64, Scheider, gegenüber der taz erklärte, habe die Belegschaft erst gestern mittag erfahren, daß die Frequenzen außerhalb Brandenburgs gekappt werden….“

Wir überlegen nicht lange und unterschreiben, ungeachtet unseres Alters und unserer Herkunft, denn auch wir sind in unserer Hütte auf dem Campingplatz eifrige Hörer des gefährdeten Senders.

Ein später Blick auf die Uhr zeigt, dass wir uns beeilen müssen, wollen wir noch die Marienkirche mit der astronomischen Uhr besichtigen. Unsere Vermutung, dass uns Zeit bis 18 Uhr bleiben würde, zerschlägt sich, sobald wir das Portal zum Dom öffnen wollen: Ein junger Mann kommt uns entgegen, die Kasse unterm Arm und einen großen Schlüssel in der Hand, den er erbarmungslos und vor unseren Augen im Schloss umdreht: Zu spät!

Was bleibt uns, als den Rückweg anzutreten? Wir überqueren bald darauf den Ernst-Thälmann-Platz, auf dem zu dieser Tageszeit zahlreiche Trabis und Wartburgs, aber auch ein paar Westautos parken, gehen dann, bereits ein wenig müde geworden ob die Vielfalt der Eindrücke, ohne eigentliches Ziel die Große Wasserstraße entlang, bis wir unversehens vor einem Stadttor stehen. Es ist der vorweggenommene krönende Abschluss dieses Tages: In diesem aus dem Jahr 1261 stammenden Gebäude, dem Kuhtor, so lesen wir in unserer Rostock-Broschüre, befindet sich derzeit noch der Sitz des Bezirksvorstands des Schriftstellerverbandes der DDR. „Weitere kulturelle Einrichtungen sind in Vorbereitung“ ist derselben Quelle zu entnehmen. Wie lange aber werden die Schriftsteller und andere Künstler hier tatsächlich noch Hausrecht haben, wo doch alles andere in Auflösung begriffen scheint?

Es ist Zeit, zur Straßenbahnhaltestelle am Thälmann-Platz zurückzugehen. Auf dem Weg dahin kommen wir an einem Wohnhaus vorbei, vor dem ein Trabi geparkt ist, aus dessen hinterem Seitenfenster eine DDR-Flagge weht. Wir bleiben stehen, gehen neugierig ums Auto herum, da kommt der Besitzer aus dem Haus und wir sind ertappt. Die zunächst (für uns) peinliche Situation mündet in ein Gespräch. Und so erfahren wir, dass wir einem ehemaligen FDJ-Funktionär gegenüberstehen, der nun arbeitslos ist. Wovon er denn zurzeit lebe, wage ich zu fragen. Der junge Mann grinst und zuckt mit der Schulter: Er verkaufe nun Messingware auf dem Markt. „Selbstverständlich schwarz – warum sollte ich nicht vom Kapitalismus profitieren, wo wir ihn schon mal bekommen? Die zerstören sowieso alles – ich lass mir meine Identität doch nicht von denen nehmen!!!“- Auch für seinen Wimpel hat er eine gute Vermarktungsidee: „Was ließe sich da für‘n Geld mit machen, wenn man die jetzt neu auflegte?“

Bald darauf sitzen wir im Zug nach Güstrow, schlafen vor Erschöpfung ein und wachen erst kurz vor der Umsteigestation wieder auf.

 

5. Sonntag. 9.9.1990

 

Zu den schönsten Naturerinnerungen an Krakow gehören mit Sicherheit Ausflüge am See entlang, auf den Jörnberg. Mit 76,2 Metern ist er die dritthöchste Erhebung in der näheren Umgebung des Örtchens. Pilze gab es hier, Bucheckern und Eicheln. Und aus diesen zauberte unsere Mutter in den kargen Nachkriegsjahren delikate Süßigkeiten. So klein ich damals war, ich erinnere den Vorgang der Zubereitung, bei der zunächst durch den lange währenden Kochvorgang der Bitterstoff aus den Eicheln herausgezogen wurde, bevor sie schließlich in der Pfanne geröstet und kandiert wurden. Eine weitere, bei uns Kindern sehr beliebte Leckerei war ein gewöhnliches Stückchen Graubrot, das erst unter fließendes Wasser gehalten und danach mit Zucker bestreut wurde.

Davon erzähle ich Paul, als wir gemächlich nebeneinander her die Güstrower Chaussee entlangfahren und dann in den Möwenweg einbiegen. Zu beiden Seiten liegt teils überwuchertes Brachland, danach geht es einen Sandweg entlang, vorbei an durch den Lauf der Jahre reichlich patinierten Einfamilienhäusern, bis wir uns auf dem Jörnbergweg wiederfinden. Der Blick durch die Uferbäume auf den glitzernden See, der auch hier von malerischen Bootshäuschen gesäumt ist, lässt uns zunächst den Atem anhalten. Kaum sind wir auf dem Uferweg angekommen, erregt ein Kiosk Pauls Aufmerksamkeit: Er hat keine Zigaretten mehr. Leider bekommt er seine gewohnte Zigaretten-Marke auch hier nicht. Wir sollten doch mal im Seehotel nachfragen. Die vermeintliche Kioskbesitzerin, eine ältere Frau, die sich im Laufe des folgenden Geplänkels selbst als „städtische Angestellte“ bezeichnet, scheint begierig, sich mit uns zu unterhalten. So viele Westdeutsche sind hier noch nicht vorbeigekommen, erzählen Sie doch mal! Ein kleiner Wortwechsel, dann kaufen wir ihr einen Hochglanz-Bildband über Mecklenburg ab, aus einem Münchner Verlag. Später, auf dem Zeltplatz, stellt sich beim Blättern heraus, dass er ganz offensichtlich mit heißer Nadel gestrickt wurde, denn es finden sich bald ein paar sachliche Fehler in der Beschriftung.

Neben Süßwaren und anderen kleineren Dingen fällt uns eine Miniaturausgabe des aktuellen Quelle-Katalogs auf. Er ist in Plastikfolie eingeschweißt und somit vor nicht bezahlten Einblicken gefeit. Als Beigabe ist durch die transparente Schutzhülle hindurch eine kleine Lupe zu erkennen. Die aber ist für die Lektüre dieses Werkes mit Sicherheit von Nöten! Ja, es bestünde eine starke Nachfrage nach dem Katalog, erfahren wir noch, bevor wir verabschieden und weiterziehen.

 

Es ist ein besonderes Erlebnis, dass niemand, den wir hier ansprechen, vor uns zurückweicht, uns als Fremde etwa abweisen würde. Ist es nicht eher Neugier denn eine Art angeborener, regionaltypischer Offenheit Gästen oder Besuchern gegenüber? Vielleicht liegt es ja auch an dieser Zeit des Umbruchs, an einer Erwartungshaltung all dem Neuen gegenüber, das innerhalb weniger Monate diesen Menschen, diesem System auch übergestülpt wird?

Wir erinnern uns im Gespräch an eine kuriose Meldung, die kurz vor dem Mauerfall aus dem noch weiter entfernten Osten, aus der Sowjetunion, zu uns gedrungen war: Außerirdische seien mit ihrem Ufo im Stadtpark der Stadt Woronesch gelandet und gemäß der Aussage glaubwürdiger Zeugen beim Spaziergang beobachtet worden. Nicht, dass wir an derartige Meldungen nicht bereits gewohnt gewesen wären, wenngleich sie aus eher westlichen Sphären zu uns gelangt waren und mit der Zeit höchstens ein gelangweiltes Gähnen hervorgerufen hatten. Nun also Marsmenschen im Osten! Und ich muss zugeben, es gab Momente, in denen ich bereit war, in jenem Herbst der nie zuvor für möglich gehaltenen innerdeutschen Umwälzungen erstmals an ein derartiges Phänomen zu glauben. „Meinst du denn, die Menschen hier könnten unser Erscheinen aus einem ähnlichen Grund derart gelassen über sich ergehen lassen?“, gibt Paul zu bedenken. „Möglich!“ sage ich, „ich komme mir schon ein bisschen vor, als kämen wir vom Mars!“

Eine unwirkliche Situation, das ist wahr.

 

Von nun an schieben wir unsere Räder und gehen zu Fuß weiter. Es riecht nach frischem Laub, über uns und zu unseren Seiten verlieren die Blätter allmählich ihr Grün, der Schotter knirscht unter unserem derben Schuhwerk.

Kaum sind wir ein Stück Wegs gegangen, erkenne ich die Badeanstalt: roter Klinker, Fachwerkkonstruktion, Reetdach. Scheinbar unverändert liegt sie da, als wären wir im Sommer noch von hier aus ins Wasser gesprungen, von einem der weit in den See hineinragenden Stege. Wieder der Impuls, eine Hand ans Gemäuer zu legen, die persönliche Verbindung zu einer längst vergangenen Zeit herzustellen.

Gerade wollen wir unsere Räder abstellen, als ein Mann aus der Eingangstür zum Gebäude herauskommt. Er grüßt uns freundlich. Ich nehme dies zum Anlass, ihn darum zu bitten, die Badeanstalt einmal von innen sehen zu dürfen, ich sei „hier früher schon einmal gewesen“.

Zu unserer Überraschung wird uns dies ohne große Umschweife gewährt, und so stehen wir kurz darauf auf den grauen Holzplanken, die geradewegs in den See führen.

 

Im Wasser, wenige Meter nur vom Ufer entfernt, steht eine junge Frau, beide Arme schützend um die beiden kleinen Mädchen gelegt, die vor ihr im See stehen. Es muss flach sein an dieser Stelle, denn das leicht gewellte Wasser reicht auch der Kleinsten höchsten bis an die Waden. Die Frau trägt einen für diese Zeit ein wenig gewagten zweiteiligen Badeanzug, der, ebenso wie die Höschen der Mädchen, aus aufgeribbelter Wolle ist und selbst gestrickt. Ein scheues Lächeln auf dem Gesicht der Erwachsenen – welchem Fotografen mag es wohl gelten? – während das größere der beiden Kinder die Augen ein wenig verdreht – ist es gelangweilt oder aber beschämt? – und das kleinere, das wohl zum ersten Mal im Leben fotografiert wird – oder ist es bereits das zweite Mal? die rechte Hand zum Mund führt und interessiert, abwartend in die Kamera blickt.

 

 

 

Fasziniert betrachte ich diese kleine Familienformation, die eine momentane heile Welt widerspiegelt. Soll ich der Kleinen, die mich so neugierig ansieht, etwas zurufen? Etwa, sie solle dies winzige Glück möglichst gut festhalten, bitteschön, denn bald, schon bald, würde sie vertrieben werden aus diesem Paradies?

Ich sehe noch einmal zurück – keine Menschenseele weit und breit. Vor dem Eingang zu den Umkleidekabinen wartet der Bademeister auf uns. Komm, sagt Paul, der Mann wartet, er möchte hinter uns abschließen.

Wir haben die Badeanstalt verlassen und nähern uns dem Sportplatz.

Welches festliche Ereignis ich mit diesem weiten Platz verbinde, fällt mir nicht ein, so sehr ich die Erinnerung bemühe. War es Fußball? Interessiert Mutter sich überhaupt für so etwas? Was ich hingegen lebhaft erinnere, das sind die Baisers, die sich zu dieser festlichen Gelegenheit herstellte. Gibt es so etwas wie Geschmackserinnerung? Mit Sicherheit erinnere ich den Geruch des Frühlings.

Wir passieren den Sportplatz, erkunden den Jörnberg und setzen den Weg ziellos fort, entlang des Uferwegs. Einmal bleibe ich stehen und bringe die Kamera in Position: Vor uns ragt ein grau und brüchig gewordener Brückensteig in den See, ohne Zugang, ohne Geländer. Später werde ich das Foto bearbeiten lassen und es, passend zu meiner aktuell im Entstehen begriffenen Examensarbeit Heimat nennen.

Zurück nehmen wir denselben Weg und landen nach einiger Zeit am Seehotel. Hier war ich das letzte Mal .... Ich rechne, spule dann den Film etwas zurück ... Vor mir die Mutter, die nach dem Kirchgang die beiden kleinen Mädchen zum Schweinebraten-Essen ins See-Hotel ausführt.

Die Speisekarte bietet auch heute Schweinebraten mit Erbsen und Kartoffeln - zu 4.60 DM.

Wir kehren ein. Setzen uns in einen überdachten Wintergarten. Davor, durch eine Theke getrennt, eine Art Kiosk. Paul fragt nach WEST- Zigaretten und bekommt die bedauernde Antwort, man führe nur „OST“. Er entscheidet sich für Karo. Wir genießen unseren Schweinebraten und das große Lübzer Pils.

Während wir essen, werde ich das Gefühl nicht los, daß hier ein Teil meiner Kindheit stattgefunden haben muss. Zu gerne würde ich den Saal sehen mit den erinnerten roten Samtvorhängen vor der Bühne. Erinnere mich an Sterntaler und den nie entschiedenen Streit zwischen meiner Schwester und mir, wer von uns beiden nun die Hauptrolle gespielt hat.

 

6. Montag,10.9.1990

 

Kein Tag ohne Zeitung.

Das Titelthema der MORGENPOST – Mecklenburg vom 10.9.1990 befasst sich mit der angekündigten Auflösung des Radiosenders DT64:

 

Protest-Sturm rettet Radio DT64 – RIAS-Coup gegen Jugendsender gescheitert.

Eine Welle der Empörung löste die weitgehende Abschaltung des beliebten Jugendsenders DT64 aus. Im Lande herrschte eine Stimmung wie nach einem Staatsstreich, als auf den angestammten Frequenzen plötzlich der Westberliner Sender RIAS zu hören war. In Berlin begannen ein paar Schüler sogar einen Hungerstreik. In Dresden legten Jugendliche den Straßenbahnverkehr lahm. Aber der Coup war nur von kurzer Dauer. Der Proteststurm rettete das populäre Jugendradio. Die alten Moderatoren meldeten sich nach 18 Stunden zurück. Was Mecklenburger (in Schwerin und Rostock) zu dem (mißglückten) Handstreich sagten:

 

Heidrun B., (26): „Eine Riesensauerei ist das. Aber typisch für unsere Zeit und dieses Land. Mit Demokratie hat das nichts mehr zu tun. Was sollen wir bloß tun, um das Ende des Senders zu verhindern?“

 

Spaßmacher Carsten R., (28): „Ich höre sonst nur Radio Moskau ... Nee, mal im Ernst – das geht bestimmt nicht lange gut. Die können uns doch nicht den einzigen interessanten Sender nehmen.“

 

Rita K., (41): „Meine Tochter hat immer Jugendradio gehört. Was sollen die jungen Leute denn jetzt hören? DT64 hat immer gute Problemsendungen gemacht. Wer hat das bloß entschieden?“

 

Jeanine N., (24): „Das ist eine große Schweinerei. Die Wessis haben bestimmt wieder viel Kohle hingelegt. Ich möchte gern mal wissen, was da ein gemeines Spiel mit uns gespielt wird.“

 

Andreas B., (12): „Ich fände das blöde, wenn es DT64 nicht mehr gäbe wie bisher. Plötzlich sollte es den Sender nicht mehr geben. Das ist doch unfair, wie heimlich das besprochen wurde.“

 

Michael G. (17): „Ich finde den Sender total gut. Für die Leute, die da arbeiten, ist das echt blöde. Und das liegt alles nur am Geld. Wie überhaupt hier ganz viel kaputtgeht, weil nicht genug Geld da ist."

 

Thomas M., (16): „Ich finde das echt Scheiße, wenn da so ein Westsender auf die Frequenzen gehen will. Ich nehme bei DT64 immer ganz viel auf. Die Hitparade und die Live-Konzerte sind doch super.“

 

Sandra W., (15): „Ich habe fast nur DT64 gehört und Musik aufgenommen. Wenn die Schluß machen, ist das zwar schade, aber auch keine Katastrophe. Jetzt kann ich mir ja endlich die Schallplatten kaufen.“

 

Nach dem Frühstück machen wir mit den Rädern eine Rundfahrt um den Krakower Obersee. Hierbei erleben wir eine einzigarte Naturlandschaft. Es soll sogar noch Seeadler geben!

Aus Neugier machen wir Station im Restaurant Wadehäng. In ihren Lebenserinnerungen hat meine Mutter diesen Eindruck festgehalten:

Mit Vorliebe machten wir beim "Wadehäng" Station. Dort wohnten ein paar Fischer und unser spezieller Freund, der alte Hartwig, Wirt des kleinen, alten Gasthauses. Wie faszinierend war der ausgestopfte Seeadler in der Gaststube, von seinem Vater selbst erlegt, noch mehr aber das '"Museum", das ein paar bescheidene Fundstücke vom "Alten Schloß" aus wendischer Zeit und einige andere Gegenstände unklarer Herkunft und Bestimmung beherbergte. Er war ein echtes Original, der alte Hartwig, schlitzohrig und voll von Geschichten, Dichtung und Wahrheit großzügig und augenzwinkernd vermischt. Seine Erklärungen zu den Museumsstücken enthielten im Laufe der Zeit mindestens ein halbes Dutzend verschiedene Versionen.

Unvergessen auch er - nicht zuletzt auch wegen des herrlichen, frisch gefangenen Aals, von Mutter Hartwig mit Könnerschaft zubereitet, den wir bei gelegentlichen Familienausflügen an warmen Sommerabenden dort am See verspeisten, sofern wir nicht vorher von Geschwadern blutrünstiger Stechmücken in die Flucht geschlagen wurden.

Vom "Wadehäng“ bezogen wir auch Spargel von einmaliger Köstlichkeit - "deliziös", um unseren väterlichen Gourmet zu zitieren.

Es ist möglich, dass der Spargel aus eigenem Anbau stammte. So erinnere ich mich an die „Spargelbäumchen“ genannten, christbaum-ähnlichen Gewächse, die, hellgrün und zartgliedrig, im Herbst rote Beeren trugen.

Über die Brücke, die den oberen und den unteren See voneinander trennt, fahren wir weiter nach Dobbin, vorbei an landwirtschaftlich genutzten Anwesen, schließlich am baufälligen Schlösschen von Dobbin, biegen rechts ab durch weitläufiges Waldgebiet. Heidesand erschwert das Schieben der Räder, Heidekraut erfreut das Auge. Eine altbekannte und doch nie zuvor gesehene Landschaft tut sich vor uns auf. Damit hatten wir nicht gerechnet! Schießstände zu beiden Seiten des Weges legen die Vermutung nahe, dass diese Vorrichtung zu alten DDR-Zeiten sicherlich nicht für „normale“ Bürger bestimmt war.

(Als wir später mit Edda und Dieter P. über diesen Ausflug berichten, meint der Fischer später, da seien sie noch nie gewesen, da sei doch irgendwo auch Honeckers Jagdgebiet?)

Ein Rudel Hirsche überquert den Weg. Von da an halte ich die Kamera bereit. Ohne Erfolg. Zudem ist der Film zuende. Lege einen neuen Film ein, platziere die Kamera auf dem Lenker, nutze ihn als rollendes Stativ.

Kein Wild lässt sich mehr blicken. Warum sollte es auch? Als wir das Waldgelände verlassen, entdecken wir ein Schild mit der Aufschrift: Befahren/Betreten verboten! – Das hatten wir auf der Gegenseite offenbar übersehen. Wir schleichen uns am Försterhaus vorbei, zur Chaussee hin, über der Straße wollen wir weiterfahren. Der Weg hier ist, mitten im Schlamm, mit großflächigen Betonplatten befestigt. Paul hat auf einmal die Idee, die seien für Panzerfahrzeuge gedacht. Wir befinden uns offenbar tatsächlich in einem Manövergebiet. Erstaunt sehen wir im Geäst einer alten Eiche einen Hochsitz und Tarnnetz. Ich möchte fotografieren, aber Paul warnt mich. Spinnst du? Noch ist das alles hier faktisch noch nicht abgewickelt. Stell dir nur vor, es käme einer. Und dann stellt er grinsend fest: Ich schätze mal, wir haben uns verfahren.

Wir kehren um und befinden uns schließlich auf der Autostraße in Richtung Goldberg. Hier fängt es an, zu regnen. Irgendwann fahren wir an einem großen, abgeschirmten Gelände vorbei. In einer stacheldrahtumzäunten Gasse begleiten uns angeseilte bellende Schäferhunde. Und wieder ein Warnschild:

Betreten verboten. Bei Zuwiderhandlung wird von der Schußwaffe Gebrauch gemacht!

Darunter ein weiteres Hinweisschild, das auf die Versorgungseinheit des Min. des Innern der Deutschen Demokratischen Republik verweist. Paul hat wohl recht gehabt: Das hier scheint doch noch Ernst zu sein! Es sieht ganz so aus, als liefe der Betrieb ungehindert durch die neue politische Situation weiter.

Schließlich fahren wir weiter, passieren eine Kaserne. Wellblechgedeckte, langgestreckte Baracken. Noch ein Stück weiter und wir kehren um.

An uns vorbei fahren mit russischen Soldaten beladene LKW. Schwarze Abgasschwaden vernebeln die Sicht. Warum nicht winken? Diese unerwartete Geste wird erstaunt erwidert. Erinnerung an den lächelnden Russen bei der Flucht im Jahr 1950. Dies Erlebnis löst die ein wenig gereizte Situation wegen des ungemütlichen Regens und der ziellosen Fahrt.

Als wir schließlich wieder in den Ort einfahren, gibt es einen kräftigen Wolkenbruch. Wir schieben unsere Räder, so schnell es geht, durch eine Gartensiedlung. Kommen in Höhe des Seehotels raus und stellen uns unter, bis der Regen etwas nachgelassen hat. Auf der Terrasse zum See sind die weißen Cafehausstühlchen gekippt.

Wieder auf der Chaussee, die zum Gruber See/Zeltplatz führt, sehen wir, kurz hinter der Einmündung der Wilhelm-Pieck-Straße, ein Pappschild mit der nicht zu übersehenden Aufschrift:

Donnerstag von 10 bis 12 Verkauf von Schweinefleisch 2M/Kilo.

Wir erinnern uns an das Angebot des Paares aus Bützow am Tag unserer Anreise.

In der taz vom 8.9.90 haben wir es gelesen:

Die DDR-Landwirte beginnen Amok zu laufen und verkaufen ihr Vieh zu jedem Preis. ... Weil aber nicht alles auf den Westmarkt gekippt (sic!) werden kann, sollen die verschmähten DDR-Produkte jetzt auch wieder ins Sortiment des DDR –Einzelhandels gelangen.

Zurück auf dem Zeltplatz fühlen wir uns inzwischen so gut wie zu Hause in unserer Hütte. Die Platzwartin begrüßt uns freundlich, und ich besuche sie kurz in ihrem Büro. Sie erzählt mir von Verwandten, die in Leverkusen wohnen und dem T-Shirt, mit dem ihr Sohn in der Klasse nicht geduldet wurde wegen des West-Aufdrucks. Nun bangt sie um eine Lehrstelle für ihn.

Danach zeigt mir die Platzbibliothek, schenkt mir, bevor ich die Baracke verlasse, bebilderte Verzeichnisse von anderen Mecklenburger Campingplätzen.

Wieder in der Hütte, wechseln wir unsere Kleidung und hören Radio DT 64, daneben lese ich in der Morgenpost von heute, die ich in der HO gekauft habe.

Schlagzeile und Titelthema von heute:

Protest-Sturm rettet Radio DT64 – RIAS-Coup gegen Jugendsender gescheitert.

Eine Welle der Empörung löste die weitgehende Abschaltung des beliebten Jugendsenders DT64 aus. Im Lande herrschte eine Stimmung wie nach einem Staatsstreich, als auf den angestammten Frequenzen plötzlich der Westberliner Sender RIAS zu hören war. In Berlin begannen ein paar Schüler sogar einen Hungerstreik. In Dresden legten Jugendliche den Straßenbahnverkehr lahm. Aber der Coup war nur von kurzer Dauer. Der Proteststurm rettete das populäre Jugendradio. Die alten Moderatoren meldeten sich nach 18 Stunden zurück.

 

7. Dienstag, 11.9.1990

 

Heute wollen wir einen Güstrow-Tag einlegen. Der Dom, das Barlachhaus, das Schloss mit dem berühmten Renaissance-Park. Mindestens ebenso wichtig ist für mich ein Besuch in der Buchhandlung, in deren Schaufenster wir schon einige schöne Titel gesehen haben. Die Hauptgeschäftsstraße säumen Stände mit Jeansware einfacher Machart. Die Verkäufer kommen uns bekannt vor: Eine der Roma-Frauen kenne ich vom Zeltplatz. In der Kaufhalle kaufen wir einen Büchsenöffner, dessen Mechanik uns für die Dauer unseres Aufenthalts ein Rätsel bleiben wird.

Die Buchhandlung „Welt im Buch“ in der Straße des Friedens, die am Sonnabend noch geschlossen war, ist heute geöffnet. Mein großer Wunsch, eine Originalausgabe von Christa Wolfs ‚Kindheitsmuster‘ zu erstehen, könnte hier erfüllt werden. Kein anderes Werk der Weltliteratur passte aktuell besser zu meiner eigenen Lebenssituation.

Als wir ankommen, erleben wir große Überraschung, mit der wir nie gerechnet hätten: Der Buchbestand wird verramscht. Andere Worte gibt es hierfür nicht. Es ist fürwahr entsetzlich: Wie kann man Bücher nur verramschen – als handelte es sich um mindere oder übriggebliebene Ware. Warum fällt mir nur der Begriff „zweite Bücherverbrennung“ ein? Das Preisgefälle wird deutlich anhand der noch deutlich sichtbaren alten Preisauszeichnungen, die nun ausradiert und mit lächerlich niedrigen Ziffern überschrieben sind. Bald jedoch ist mein anfängliches Entsetzen etwas gemildert. Eine freundliche Buchhändlerin, der ich meine dringlichsten Wünsche offenbart habe, bleibt an meiner Seite, hilft mir bei der Auswahl, weist mich auf weitere Bücher zu meinem Interessengebiet und auch zu meinem Studienprojekt hin: Christa Wolf, Anna Seghers, eine Diederichs-Ausgabe der Brüder Goncourt – diese ist von besonderer Wichtigkeit für eine aktuelle Seminararbeit im Studienfach Romanistik. Weitere Bücher, wie „Exil in Mexiko“, Anna Seghers: „Aufstand der Fischer von Santa Barbara“, Monika Maron, „Flugasche“. (Auf den Innenseiten des kartonierten Einbandes mache ich Aufzeichnungen, die später Grundlage dieses Berichtes werden.) Für meine Kinderbuchsammlung erwerbe ich Werke der besonderen Art: „Der Papagei im Möbelwagen“. Inmitten all der Trauer schwelge ich in meinem Glück.

Paul ist zufrieden mit nützlicher Computerliteratur und ein paar Büchern des polnischen Philosophen und Science-Fiction-Autors Stanisław Lem. Wir stapeln arglos unsere Beute an der Kasse und sehen uns weiter um.

Während ich im weiteren Angebot stöbere, fällt mir eine dezent gekleidete Dame auf, die besonders intensiv ebenfalls in einer Klassiker-Ausgabe und weiteren Kunstbildbänden blättert. Schön preiswert, spreche ich sie entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten an, denn ich mag Menschen, die die gleichen Bücher mögen wie ich. Sie schaut kurz auf, nickt und sagt: Ja, die Gelegenheit ist günstig. Und fügt hinzu:

Jetzt kommen die aus dem Westen und kaufen unsere Bücher auf.“

Ich möchte etwas entgegnen, sage leichthin, ich komme auch aus dem Westen. Im selben Augenblick schon verspüre ich den dringenden Wunsch, mir auf die Zunge zu beißen, da aber ist die Frau schon längst auf räumliche Distanz gegangen und sieht mich mit einer Mischung von Verachtung und Trauer an. Tränen schießen ihr in die Augen und sie sagt, mit nun in deutlich verändertem Tonfall:

Unsere schönen Bücher .... und Ihr stellt uns dann Euren Konsalik in die Regale!“

Ich schäme mich, obwohl diese Einschätzung mich nicht direkt treffen sollte. Mir ist mulmig und ich bin froh, dass mein Stapel längst an der Kasse steht und ich ihn nicht im Arm trage. Nehme wahr, wie die Frau sich abwendet, mit leiser Stimme nur noch und deutlich spürbarer Resignation in der Stimme sagt: „Wir sind doch auch Menschen!

Zugegeben, es ist ein dummes Gefühl, mich in unfreiwilliger Stellvertreterschaft für alle Wessis dieser Welt wiederzufinden. Wem soll ich nun noch beteuern, bei mir sei das etwas völlig anderes, denn die Bücher werden bei mir mit Sicherheit ein würdiges, liebevolles Asyl erhalten.

Die Buchhändlerin, die mir bei der Auswahl meiner Bücher geholfen hatte, hatte das offenbar erkannt. Und dafür bin ich ihr dankbar.

Wir schlendern noch ein bisschen durch Güstrow, fahren später mit dem Bus zurück nach Krakow.

 

Zum Abendessen sind wir wieder im Seehotel. Diesmal nehme ich die Gelegenheit wahr, mir den Theatersaal anzusehen, in dem ich einst als vielleicht vierjähriger Engel, vielleicht war’s ja auch Sterntaler? auf der Bühne stand. Bevor ich des Saales verwiesen werden kann, mache ich ein paar Fotos.

Später, nach der Entwicklung, stellt sich heraus, dass die Bilder verwischt sind.

 

8. Mittwoch, 12.9.1990

 

Für heute haben wir eine Radtour nach Plau geplant. Pro Strecke rechnen wir mit 25 km. Nach der Erfahrung mit dem beschwerlichen Vorwärtskommen im Heidesand nehmen wir streckenweise die Landstraße. Wieder begegnen wir einer Reihe von russischen Militär-LKWs. An einer Wegkreuzung erleben wir eine Szene wie aus einer anderen, uns unbekannten Welt: Ein höchstens 18 Jahre alter uniformierter Soldat mit asiatischen Gesichtszügen lehnt an einem Zaunpfahl, hält ein rosafarbenes Transistorradio ans Ohr und lauscht wie selbstvergessen den Klängen, die ihn wo irgendwoher erreichen.

 

Wir haben Glück, heute ist schönes Wetter. Schließlich erreichen wir Plau. Wir sehen uns um, vermeiden es, den Eindruck von Besuchern aus dem Westen zu vermeiden, schnappen in Gespräch zweier Frauen erstmals die Vokabel Bundis auf. Damit werden wir gemeint sein. Die Menge der Bundesbürger, zu der sie sich auch bald zählen werden.

Wir schlendern am See entlang. Vom Bootsanleger aus richtet sich unser Blick auf eine Brücke, über die unentwegt Russen-Lkw in Richtung Osten vorbeifahren.

Paul fragt den Bootsführer einer Passagierfähre, ob er uns mit den Fahrrädern mitnimmt. Der Mann reagiert besonders freundlich und hebt eigenhändig unsere Räder an Bord.

Mit uns sitzen auf dem Passagierdeck zwei schnieke junge Männer an Bord, Typ „BWL-Studenten“, die ihre Herkunft aus dem Westen nun wirklich nicht verleugnen können.

Bald wenden uns angenehmeren Dingen zu: Um uns das leise schwappende Wasser, Schwäne, Boote und Schilf.

Bei der Einfahrt in Malchow, dies ist die Endstation der Fähre, fällt uns in einer Laubensiedlung eine schwarz-rot-gelb-gestreifte Bundesflagge auf. Das ging ja schnell – wir denken in diesem Moment wohl dasselbe. Erinnern uns an heimische Kleingärten, oftmals Inseln nationalen Gedankenguts.(weg: auf der Bahnstrecke Wuppertal-Düsseldorf.)

Unsere Rückfahrt in Richtung Krakow führt uns weiter durch Malchow, entlang des Sees. Villenartige Grundstücke markieren den Unterschied zur Laubenkolonie, sprechen allerdings auch für gewisse soziale Unterschiede, mit denen wir nicht gerechnet haben.

Als wir Alt-Schwerin erreichen, haben wir, rein theoretisch, die Gelegenheit, das Agrar-Museum kennenzulernen. Davor steht eine antike Acker-Lok. Und hier ergeht es uns dann nicht anders als kürzlich in Rostock: Als wir das Museum besichtigen wollen, schließt es gerade.

 

9. Donnerstag, 13.9.1990 - letzter Tag

 

Sobald die Geschäfte öffnen, besorge ich im Blumenladen Blümchen für die alte Frau Wilken. Zum ersten wie auch zum letzten Mal in meinem Leben nehme ich dabei das Wort „Plaste“ in den Mund. Wenn es schon keinen Übertopf aus Keramik gibt.

Später machen wir noch einen Besuch beim jüngeren der beiden Ärzte, Herrn Dipl. med. R.. Sobald das Wartezimmer leer ist, bittet er uns herein und wir sprechen noch einmal über die bisherige und auch die Weiterentwicklung des Hauses sowie beiderseitige Vorstellungen. Er ruft zu Hause an, um Verspätung zum Mittagessen anzukündigen. Wir gehen, als er noch mal telefonisch von seiner Frau erinnert wird.

Zugegeben, es ist ein seltsames Gefühl, mich nach solch langer Zeit Wand an Wand mit meinem Geburtszimmer wiederzufinden. Jetzt ist es Behandlungsraum. Darunter der Elektroladen, an den sich niemand erinnert, den ich bislang gesprochen habe. Während Herr R. telefoniert, schließe ich die Augen und erinnere mich:

Als Mutter verschwunden war, saß ich häufig am Fenster der Wohnung im Erdgeschoss dieses Hauses, das ja immer noch unser Haus war, wenngleich viel zu groß. Ich beobachtete die Menschen, die auf dem unmittelbar an unser Grundstück angrenzenden Marktplatz vorbeikamen. Selten ein übers Kopfsteinpflaster rumpelndes Auto, häufiger Fahrräder mit vollgeladenem Gepäckträger. Immerhin, kein Russe, der sich blicken ließ am helllichten Tag. Aber auch keine Mutti kam an in einer goldnen Kutsche und auch kein federbuschgeschmückter Herold kam auf einem weißen Rösslein geritten, der mit seiner Fanfare die Botschaft von ihrer glücklichen Rückkehr verkündete. Herr B., der hier einen kleine Elektroladen betrieb, gab sich Mühe, mich abzulenken. An manchem Vormittag rief er mich zu sich in die Werkstatt, wo er ab und zu ein defektes Radio zu reparieren hatte. Er erlaubte mir sogar, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Mit einem Schraubenzieher löste er behutsam die Rückwand eines dieser Wunderkästen und lud mich freundlich ein, einen Blick in das Gewimmel von Drähten und Glasbirnchen zu werfen. Zunächst bemerkte er nicht meine maßlose Enttäuschung, nicht die winzig kleinen Männer und Frauen vorzufinden, die all die Stimmen und auch die Musik produzierten. Lachte schallend, als ich diesen Gedanken ein wenig ratlos und irritiert äußerte. Fuhr dann mit der rechten Handfläche unbeholfen über mein Haar und murmelte: Nu denn...

Eines Tages kam Frau L., und von da an ging alles ganz schnell. Fast sah es aus, als würde es nun wieder ein normaler Kinderalltag werden. Sie verschwand kurz auf dem Dachboden, kehrte recht bald mit einem kleinen, dunkelbraunen Lederköfferchen zurück. Als nächstes öffnete sie eine Schublade der massiven Nussbaumkommode in Mutters Schlafzimmer. Faltete säuberlich Hemdchen, Höschen, Leibchen, dunkelbraune Trikotstrümpfe und je ein Kleidchen. Legte dies alles sorgfältig in den Koffer mit dem umhäkelten Griff hinein. Dann verschloss sie die beiden Messingschlösser, fädelte einen Bindfaden durch die winzige Schlüssel-Öse und hängte diese zierliche Kette meiner großen Schwester um den Hals. Kaum konnten wir die diesmal besonders dick bestrichenen Semmeln zu Ende kauen und die warme Milch hinterher schlucken, da mussten wir auch schon Abschied nehmen.

Unser Abschlussessen wollen wir heute ein weiteres Mal in der Gaststätte am Wadehäng genießen. Wildschwein gibt es heute nicht, auch das gewünschte Weidelamm ist „aus“.

Am Nebentisch sitzen zwei Geschäftsleute, die sich angeregt und auch ein wenig laut unterhalten. Für uns ist offensichtlich, dass sie zum dunklen BMW mit niederländischem Kennzeichen vor dem Haus gehören. Wir malen uns aus, es handelte sich um die ersten Spekulanten, die das Terrain erkundeten. Oder aber die Investoren für den Golfplatz. Wie recht wir haben, werden wir bei weiteren Besuchen erfahren.

Noch einmal gehen wir die paar Schritte runter zum See. Die von mir erwartete Kindheitsidylle, Holzboote im Schilf, gibt es nicht. Und Seerosen wollen nicht in das wenig idyllische, von Gestrüpp und matschigem Schlamm gezeichnete Gesamtbild passen. Auch nicht beim anschließenden Spaziergang.

In der Hoffnung, einen geeigneten Rückweg zu finden, schieben wir zunächst die Räder, fahren dann ein Stück durch den Wald, an Plattenbausiedlung vorbei zurück in den Ort. Hier mache ich noch ein paar Fotos, danach geht es zurück zum Zeltplatz.

Dann die letzten Einkäufe in der HO. Die Baracke wird schließen, zur selben Zeit wie das Land, in dem sie errichtet wurde, und nicht mehr öffnen. Wie jenes auch.

Schließlich zelebrieren wir den Abschied von der Hütte, die während der vergangenen Tage fast so etwas wie unser Zuhause geworden war. Danach statten wir der Platzwartfrau einen letzten Besuch ab. Sie führt mich noch ein wenig im Verwaltungsgebäude rum, erzählt ein wenig von sich und ihrem Leben im Umbruch. Sie ist städtische Angestellte und hofft, daß ihr Arbeitsplatz sicher ist.

Unerwartet erhalte ich einen Einblick in eine mir unbekannte Lebensform, als die Frau mir ungefragt von ihrer Mitgliedschaft im ‘Elternaktiv’ der Schule ihres Sohnes erzählt. Dabei vermittelt sie den Eindruck, als verharre sie in einer Stimmungslage zwischen freudiger Erwartung auf die Segnungen des Westens und möglicher Skepsis.

Man hört ja so viel von der Arbeitslosigkeit bei Euch drüben? Aber das ist wohl alles Propaganda,“ fügt sie hinzu. „Die haben uns ja so viel erzählt hier drüben.“

In diesem Punkt kann ich sie nicht bestätigen. Ich erzähle ihr lieber nichts von Pauls momentaner Arbeitslosigkeit nach dem Studium – oder sollte ich etwa doch?

Und – was wird, wenn der Golfplatz kommt?

Danach habe ich noch etwas vor: Mit dem Hibiskus gehe ich zum Schuhladen, zur Schusterwitwe Wilken. Wieder werden wir in die gute Stube eingeladen. Die alte Dame freut sich sehr über die Blumen. Zeigt mir sogleich einen West-Prospekt mit West-Schuhen. Welch ein Angebot! Welch eine Vielfalt!

Danach habe noch etwas im Rathaus zu erledigen. Möchte meine verkramte Geburtsurkunde bestellen, das ist nun möglich ohne Umstände. Früher, als Ost-Flüchtling, war dies nur über ein Zentralregister in Berlin möglich.

Neben mir vor dem Amt sitzt eine junge Frau in den Zwanzigern. Sie ist ganz begierig, sich mit mir zu unterhalten, weil sie mich offenbar auf den ersten Blick als Fremde, als Wessi erkannt hat. Sie erzählt, sie selbst sei gebürtige Krakowerin und arbeitslos, melde sich heut ab, um nach Hamburg zu ziehen. Da habe sie bereits eine Stelle in Aussicht, beim Otto-Versand. Auch eine Wohnung habe sie bereits.

Als ich das Dokument zwei Wochen später in Händen halte, finde ich das erwartete DDR-Stempelchen mit Hammer und Zirkel. Noch ist der Osten ein eigenständiger Staat!

Nach dem Rathaus gehen wir zum Bahnhof, um die Abfahrtszeiten zu überprüfen und zu bestätigen. Ich sammle ein paar letzte Bucheckern ein. Stecke sie in die Tasche, zur Erinnerung. Vom See die Muschelkalksteine, aus dem Wald ein paar Eicheln und ein Föhrenbüschel.

Als wir auf dem Rückweg an der Wilhelm-Pieck-Straße vorbeikommen, stehen Menschen dicht gedrängt hintereinander an zum verbilligten Schweinefleischkauf.

 

10. Freitag, 14.9.1990

 

Der in Güstrow gekaufte Wecker weckt zuverlässig um 4 Uhr. Letztes Zusammenpacken, Zusammenrollen der Schlafsäcke etc., mühseliges Festspannen auf den Rädern - schließlich sind nun noch die Bücher hinzugekommen. Die kommen größtenteils in Pauls Traggestell-Rucksack und so ist noch etwas Platz auf seinem Gepäckträger.

Im Dunklen dann Fahrt die Chaussee entlang. Nach dieser Woche ist die Strecke uns vertraut. Vorbei an Gärten, den kleinen Wasserlauf, der die Chaussee begleitet.

Dann sind wir eine Viertelstunde zu früh am Bahnhof. Alles klappt mit gesamtdeutscher Pünktlichkeit. 

Mit uns im Zug sitzen unerwartet viele Mitfahrer, die Mehrzahl Schüler. Sie unterhalten sich, vielleicht ein lauter als üblich, um sich unserer Aufmerksamkeit zu versichern, über Englisch- und Russisch-Übungen. Englisch wird meiner Ansicht (mit Blick auf uns) nach besonders betont, auch der lange Zeit verbotene Film „Spur der Steine“ mit Manfred Krug, der offenbar gerade erstmals gesendet wurde, wird in vergleichbarer Tonlage erwähnt.

In Güstrow steigen wir um, haben, wie auf der Herfahrt auch, einen längeren Aufenthalt in Bützow. Zum Glück ist das Mitropa-Restaurant geöffnet. Hier gibt es Rührei und Kaffee.

Ein Toilettenhäuschen gibt es auch. Es hat vielleicht einmal bessere Tage gesehen. Immerhin schützt ein Haken zwischen Tür und Rahmen, den korrekt zu betätigen akrobatisches Geschick erfordert, vor Einblicken indiskreter Art. Davor hockt, auf einem Holzstuhl, eine Frau ungewissen Alters mit wirrem grauem Kopfhaar und buntem Dederonkittel, die rissige rote Hand zur Schale geöffnet und verlangt selbstbewusst:

Fünfzig Pfennig!“

Auf die leicht irritierte Reaktion der Toiletten-Nutzerin entgegnet sie selbstbewusst:

Das nimmt man ja schließlich auch in Lübeck!“

Das anfängliche Erstaunen über die vermeintliche Lücke zwischen Angebot und gefordertem Entgelt weicht, als im anschließenden Gespräch deutlich wird, dass die Frau Seife wie Papier selbst zu finanzieren hat. Und auch die Handtücher nimmt sie mit nach Hause, wäscht und bügelt sie mit der eigenen Wäsche. Das muß ich ihr wohl glauben.

Als der Zug in Richtung Lübeck schließlich abfährt, bleibt ein mulmiges Gefühl. Zögerlich nehme ich, Kilometer für Kilometer, Abschied von der Mecklenburger Landschaft.

Dann lenkt die Westzeitung ab, die ich mir in Güstrow gekauft habe, und so gleite ich lesend zurück in jenen Teil des Landes, den ich von nun an strengeren Vergleichen unterziehen werde mit jenem Land, das es schon bald nicht mehr geben wird.

 

Nachwort des Herausgebers

 

Eigentlich war es purer Zufall, dass wir auf unserer Suche nach einem Supermarkt an diesem weithin sichtbaren Gebäude des Güstrower JobCenters vorbeigekommen sind. Die Lage scheint ideal gewählt, denn auf einer gedachten Verbindungslinie zum Bahnhof befindet sich eine Imbissbude, an der man sich für wenig Geld mit Fastfood verköstigen und dazu ein gekühltes Bier genießen kann. Letzteres scheint hier reichlich konsumiert zu werden, besonders an einem so schönen Tag wie heute, unserem Ankunftstag für unseren Kurzurlaub in der Geburtsstadt meiner Frau: Krakow am See.

Seien Sie nicht allzu betrübt, wenn Sie, wie wir an diesem Sonntag im April, in Güstrow auf den Bus nach Krakow warten müssen. Er wird Sie irgendwann mit Sicherheit nach ungefähr dreißigminütiger Fahrzeit ans Ziel bringen. Inmitten einiger einst gewiss prachtvoll gewesener, nun dem Verfall preisgegebener Gebäude, die die sehr moderne Bushaltestelle säumen, befindet sich zu rechten Seite ein kleiner Park mit zahlreichen Bänken. Kein Messingschild finden sich hier angebracht, das eventuell darauf hinweisen könnte, dass sich ein Verein oder ein wohlhabender Privatier ein – wenn auch kleines – Denkmal setzen wollte. Diese Bänke sind sozusagen kommunales Eigentum, von dem es hier in der Region immer weniger gibt, weil es keine besondere Hebelwirkung besitzt.

Nehmen Sie Platz auf einer dieser Bänke und schauen Sie dem bunten Treiben vor dem Schnellimbiss zu. Dies wird Ihnen die Zeit im Nu vertreiben, und mit Sicherheit ist der Anblick aufschlussreicher, als irgendwo am Mittelmeer in einem Straßencafé zu sitzen und auf den ewig gleichen Hafen zu sehen. Aber vergessen sie bei Ihren Milieustudien den Bus nicht, sonst müssen Sie nochmals zwei Stunden auf den nächsten warten.

Hallo, Sie! Wir kennen hier keinen und fühlen uns nicht angesprochen. Hallo, Sie, die Stimme wird lauter, wir drehen uns um. Die Frau in Bahnuniform, die eben noch vor dem Bahnhofseingang hin und her zu flanieren schien, kommt eiligen Schritts auf uns zu. Hallo, Sie, wollen Sie mit dem Zug irgendwo hin fahren?

Wir sehen uns an. Hat sich seit Mehdorns Abgang etwas bei der Bahn geändert? Wir fühlen uns umworben, lehnen jedoch ab. Nein danke, wir warten auf den Bus nach Krakow. Traurig, wie uns scheint, dreht sie sich um und hält nach weiteren Reisewilligen Ausschau.

Wir sind dann mit dem Bus übers Land bis zur Endhaltestelle gefahren. Früher wäre dies der Bahnhof Krakow gewesen, aber dort halten seit September 2000 keine Züge mehr. Also bringt uns der Bus bis zu einem Platz, den man als Einkaufzentrum der Kleinstadt bezeichnen kann: Auf einer Art Shoppingmeile treffen sich hier ALDI, EDEKA, ein Kiosk, sowie mehrere Jugendliche, die der Kleinstadtöde entfliehen wollen und sich an der gegenüberliegenden Haltestelle in Richtung Güstrow aufgereiht haben.

Das, was sie in ihrem Leben erwartet, bleibt genauso unklar, wie die Zukunft jenes alten Mannes, der neben mir auf einer Wartebank sitzt, der nicht mehr mit dem Bus fahren will, der nur noch seine Flasche Korn austrinkt, um sich vielleicht danach die nächste zu holen, im ALDI oder im EDEKA. Oder er wird einfach auf der Bank zusammenbrechen, denn um den schert sich heute keiner mehr. Seine Gesichtszüge verraten dem flüchtigen Blick bessere Zeiten, die er in dieser Stadt erlebt haben musste, so wie der Bahnhof eben – aber das ist eine andere Geschichte.

Krakow am See ist nicht nur Luftkurort, sondern auch ein schmucker Urlaubsort, ein Vogelparadies dazu. Ein Vogel gab einst dem Ort seinen Namen: vom slawischen Kraca abgeleitet, das heißt etwa soviel wie „Ort der Raben oder Dohlen“. Den lieben langen Tag über können Sie sich von diesen „Zwitschermaschinen“ betören lassen. Zu sehen bekommen sie die Sänger aber nur, wenn sie ganz genau hingucken.

Krakow ist zwar noch immer kein mondäner Urlaubsort, und manchmal scheint es so, als bedauerten die Bewohner dies. Auf der „falschen Seite“ Deutschland groß geworden, mussten sie mit ansehen, wie sich das kulturelle Erbe von insgesamt ca. 2000 Schlössern, Guts- und Herrenhäuser auflöste und in Flüchtlingsunterkünfte, Konsum-Verkaufsstellen, LPG-Büros, sowie Kindergarten oder Arztpraxen umgewandelt wurde. Erst die Wende hat die einstigen Junker Mecklenburgs und deren Nachkommen wieder ins Land gespült, und so kann jeder – nicht nur der touristisch interessierte Gast – im entsprechenden Ambiente der kulturellen Genüsse frönen, die diese Landschaft zu bieten hat. Das vor mir liegende Prospekt zeigt es mit einem beweiskräftigen Foto: Eine feine Gesellschaft hat sich in traditioneller Anordnung vor einem Gutshaus aufgestellt und scheint sich köstlich zu amüsieren.

Unser Urlaubsort präsentiert sich familienfreundlich: Wasserspiele entlang des Uferwegs, die älteste, unter Denkmalschutz stehende Badeanstalt Mecklenburgs mit hervorragender Wasserqualität, dazu Boots- und so gar Floßfahrten auf dem See. Und wenn Sie die Goetheallee entlang schlendern – dies ist übrigens der Name der Seeuferpromenade am Krakower See – dann werden Sie vielleicht von einem Einheimischen freundlich angesprochen. Auf einem Schild, an der Hauswand angebracht, wird vor einer freilaufenden Katze gewarnt, die jeden Fremden anzufauchen droht, der sich ihr zu nähern versucht. Ein netter Schnack, fünf Minuten, mehr nicht, mit dem weißbärtigen Eigentümer wird den Morgen noch leichter machen als er schon ist.

Am See entlang zu gehen kann sich zur Sucht entwickeln, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Die Spaziergänge am See sind einfach beruhigend, wunderschön und in der Frühlingszeit immer vom Gezwitscher der vielen Vogelarten begleitet, die es hier gibt und hoffentlich noch lange geben wird.

Der alte Mann und der See, das Verweilen am Ufer, das stumme auf den See blicken. Was der See einmal hat, das gibt er nie wieder her – und ein Gefühl wie Wehmut kommt auf, weil man an manche verpasste Gelegenheit im eigenen Leben erinnert wird. So ist der See die Trennungslinie und gibt zugleich den Blick auf die andere Seite frei, die sich hier nicht am anderen Ufer, sondern am selben Ufer befindet. Da, wo man gerade ist, offenbart sie die Janusköpfigkeit einer jeglichen Existenz.

 

Hallo, Sie! Warum irren Sie hier umher! Haben Sie sich verlaufen? Das ist ganz unmöglich. Verlaufen kann man sich hier garantiert nicht. Aber es ist immer möglich, aus dem Zug zu steigen, in den man gerade eingestiegen ist.

 

Berlin, im April 2021 - Günter Opitz-Ohlsen

1 Ein Tippfehler macht hieraus in der ersten Version dieser Aufzeichnungen unversehens „Wider“-Vereinigung

1 Zitat Uwe Johnson

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