Lena. So mitten im Winter

Gegen sechzehn Uhr fünf verlässt die junge Frau das Klinikgelände. Sie geht die Straße entlang, bleibt stehen. Junge, schlanke Frauen mit lichtblonder Mähne müssen nicht lange warten, bis einer anhält.

Wohin, schönes Kind?

Das schöne Kind ist recht einsilbig, nennt kurz das gewünschte Ziel.

Hast Glück, Mädchen, sagt der Fahrer mit dem grauen Haarkranz, da fahr ich zufällig längs. Kann dich in der Nähe rauslassen. Den Rest kannst du dann zu Fuß gehen. Oder wär’s dir recht, wenn?

Und es kümmert sie nicht, dass er sie duzt. Aber recht wär’s ihr nicht, wenn, und sie bittet ihn, anzuhalten.

Die Ampel springt auf Rot, und er lässt sie vor der Kreuzung noch aussteigen. Eine halbe Stunde, vielleicht auch nur zwanzig Minuten noch.

Ein leichter Wind weht, und Lena streicht die Strähne, die ihr die Sicht nimmt, aus der Stirn.

Der Ginster am Wegrand treibt Knospen, und es ist gerade mal Januar. Das wundert sie nicht. Sie nimmt's zur Kenntnis und auch die milde Frühlingssonne. So mitten im Winter. Alles ist so normal, und es dürfte auch nicht anders sein an diesem besonderen Tag. Schön wär’s, denkt sie, wenn auch die Lupinen blühten. Oder die Buschwindröschen. Vielleicht blühn sie ja, weil ich mir's wünsche. Weil heute mein Tag ist.

Lena verlangsamt ihren Schritt. Nun ist die Brücke in Sicht. Sie verlässt den Weg, hält sich am Gesträuch fest, klettert über ein paar holprige Felsbrocken. Hier ist es. Hier ist ihr Platz. Er gehört ihr schon lange.

Sie setzt sich auf einen glatten Felsstein. Greift in die rechte Tasche ihrer Jeans, zieht die Schachtel Marlboro heraus. Gut, noch zwei Zigaretten. Länger möchte sie heute nicht bleiben. Sie knipst das Feuerzeug an, einmal, zweimal. Beim dritten Mal klappt’s. Nimmt einen tiefen Zug. Sieht auf den Fluss der Autos unter sich.

Von hier aus in die Welt fahren. Noch einmal Spanien, noch einmal Griechenland.

Lena träumt, während sie die Autos beobachtet. Wenn ich groß bin, hatte sie sich als kleines Mädchen oft genug vorgenommen, dann werd ich von hier aus fortfahrn in die Welt. Und sie erzählte niemandem von ihrem Träumen. Denn eigentlich wusste sie gar nicht so recht, was das Wort Welt bedeutete.

Manchmal war sie auch mit einer Freundin hier gewesen. Oder mit Papa. Mama wurde immer schwindlig beim Gucken. Stundenlang hier sitzen und dem Fluss der Autos zusehen. Und die Felsen und das Moos und die Gräser. Und dann die Wolkengesichter. Man muss die Dinge nur intensiv wahrnehmen, hatte Papa zu ihr gesagt, dann kann man hineinsehn. Die Geschichten zu den Dingen, die erzählen sich dann ganz von allein.

 

Lena stützt sich ab und steht auf. Sie lässt die Marlboros zurück. Gleich wird sie sich die andere anstecken, wenn sie zurück ist.

Sie geht die paar Schritte zum Geländer. Ihr ist ein wenig schwindlig. Das wird gleich vorübergehn, weiß sie, und sie steckt ein kleines weißes Dragee zwischen die Lippen. Die sind gegen den Schwindel, weiß sie. Das haben die gesagt. Dort. Gegen alles ist ein Kraut gewachsen, sagt Mama immer. Irgendwie hat sie Recht. Wie meistens.

Lena lächelt. Ach, Mama.

Dann beugt sie sich ein wenig nach vorn. Komisches Gefühl. Noch immer. Die Autos, so klein. Und wenn sich alles andere änderte im Leben, dies Bild kennt sie im Traum.

Auf dem hellblau gestrichenen Geländer kommt ein erdbrauner Gecko angehuscht. Lena streckt die Hand aus. Der Gecko ist flinker als ihre Hand und verschwindet im Staub. Lena streichelt die Stelle, an der das Tierchen eben noch vom Geländer gesprungen ist. So flink sein wie ein Gecko!

Vom Meer her weht eine warme Brise. Lena schließt die Augen und hebt ihr Gesicht, um die Sonne zu spüren. Sie zieht die Nase kraus, denn die Sonnenstäubchen kitzeln. Lena lächelt. Sie wiegt sich im Takt der fernen Klänge. Wolkenmusik, Sonnenwiese. Schöne Worte. Schöne Musik. Sie summt die Melodie mit, dreht sich übermütig im Kreis und spürt kaum den sanften Widerstand des Windes. Sie lässt das Geländer los, breitet die Arme aus, um den Wind zu umfangen. Komm, Wind, ein kleines Tänzchen? Lena lacht übermütig. Dann öffnet sie die Augen wieder. Die Wolken haben sich verzogen, und eine strahlende Sonne bescheint den blütenweißen Strand. Und vom Meer her dies ewig gleichbleibende Rauschen. Glücklich bin ich, ach, wie glücklich bin ich doch! Diese unendliche Leichtigkeit.

 

Eine Möwe kommt aus dem Nichts angeflogen und kreist über dem Schilf.
Ach, könnte ich mich in die Lüfte heben und davonfliegen wie die Möwe.
Du kannst, du kannst, krächzt die Möwe und verschwindet als kleines Pünktchen im Irgendwo.
Warum auch nicht, denkt Lena.
Sie breitet die Arme aus.
Nichts leichter als das.
Sie lässt sich vom Wind tragen.
Lena kann fliegen.

Als Lenas Mutter in der Wohnung ankommt, ist es achtzehn Uhr fünf. Sie hängt ihren Mantel an den Garderobenhaken, geht ins Wohnzimmer, um das Radio anzustellen. Das tut sie jeden Abend so. Meistens ist sie rechtzeitig da zu den Nachrichten. Nur heute diese kleine Verspätung des Busses. Kein Mensch weiß, warum. Eben noch die letzten Worte der sympathischen Sprecherstimme, aber sie hört nur halb hin. In Gedanken ist sie bereits beim Abendbrot. Auf dem Weg zur Küche die Verkehrsmeldungen und eine knappe Warnung an die Autofahrer. Die A 46 sei gesperrt, voraussichtlich noch eine halbe Stunde. Wegen Bergungsarbeiten.

Das ist ja ganz in der Nähe, denkt Lenas Mutter und öffnet die Tür des Kühlschranks.

(Ausschnitt aus: Birgit Ohlsen, Das Taubstummenhaus)

 

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