Friede den Hütten

Ich lebe auf dem Land. Habe ein Frau und zwei Kinder. Außerdem bin ich stolzer Besitzer von zehn Hochleistungsmilchkühen, deren Milch ich an Hochleistungsmolkereien verkaufe. Leben können wir davon nicht. Aber ich betreibe die Milchwirtschaft nur im Nebenbetrieb. Tagsüber gehe ich in der Stadt arbeiten. Ich bin bei der Straßenreinigung beschäftigt und kann ihnen einige Kehrtipps geben oder einfache Tipps zum Kehren vor der eigenen Tür. Zu Hause habe ich drei Hochleistungsbesen. Die benutze ich immer, wenn der Stall sauber gemacht werden soll. Jetzt stehen noch die Kühe dort, aber wenn der Frühling kommt, werden sie von meiner Frau auf die Weide getrieben. Meine Frau hat die Aufgabe der Milchwirtschaft übernommen. Damit hat sie den ganzen Tag zu tun und die Kinder auch. Es sind Zwillinge, die noch nicht in die Schule gehen müssen. Deshalb sind sie oft draußen und helfen meiner Frau bei der Milchwirtschaft.

Jede Kuh in unserem Stall hat einen Name, weil jede Kuh eben anders ist. Berta und Olga dürfen in keinem Fall nebeneinander stehen. Dann gibt es Zoff im Stall. Meine Frau ist eine sehr gute Beobachterin. Die hat das gleich gemerkt und die Kühe umgestellt. Jetzt steht die Berta neben der Daniela und die Olga steht am anderen Ende im Stall neben der Jutta.

Jeden Morgen wird sehr früh aufgestanden und gemolken. Danach wird die Milch in den Kannen aufs Brett vorm Haus gestellt und die Molkerei holt das köstliche Nass ab. Danach sitzen wir zusammen und frühstücken. Selbst gemachte Butter, selbst gemachte Käse und selbst gemachte Joghurts sind die Spezialität meiner Frau. Den Kinder schmeckt das auch. Am liebsten wollen die natürlich jeden Morgen zum Frühstück den selbst gebackenen Kuchen, den meine Frau meistens nachmittags zubereitet. Sie sehen, wir führen ein sehr harmonisches und auch sehr arbeitsreiches Leben. Jeder hat in der Familie seinen Platz, den er so ausfüllt, wie er oder sie es am besten kann. Ich sehr froh, eine so unkomplizierte Familie zu haben. Manchmal denke ich, dass es die Umstände sind, die uns alle so glücklich machen.

Doch eines Tages kommt meine Frau mit einem schwer wiegenden Problem zu mir: die Susi gibt immer weniger Milch. Das kann ich gar nicht verstehen, denn gerade die Susi wollte doch immer die meiste Milch geben. Als gäbe es im Stall einen Wettbewerb unter unseren Kühen. Und jetzt soll die Susi das boykottieren? Nein, das muss einen anderen Grund haben. Die Susi ist krank, antworte ich meiner Frau, aber die widerspricht direkt. Sie hat schon den Tierarzt angerufen, der rein gar nichts bei der Susi feststellen konnte. Und du glaubst es nicht, auch die Ulla gibt weniger Milch. Eine Seuche ist es auch nicht. Unser Kuhstall ist topfit laut Aussage unseres Veterinärs. Also, was ist da los? Wir sehen uns das gemeinsam an.

Meine Frau geht mit mir in den Stall. Ich rede mit Susi und Ulla und bekomme leider keine Antwort auf meine Fragen. Ich glaube, die wollen nicht mehr so viel Milch abgeben, sage ich zu meiner Frau. Und genau in diesem Moment dreht sich die Susi zur Ulla, muht die an und beide schauen uns an. Da habe ich wohl den Nerv getroffen, denke ich. Aber wo bleibt die andere Milch. Schließlich sind auch Susi und Ulla Hochleistungsmilchkühe und die geben eben literweise Milch und nicht tropfenweise.

Ob die die Milch an andere abgeben, frage ich meine Frau. Aber wer soll die Milch abholen? Abends vielleicht, wenn wir alle schlafen, dann kommt der Milchklau! Meine Frau schaut mich verwundert an: wer soll den hier Milch klauen? Da hat sie recht. Denn wir wohnen ganz allein auf dem Land. Die nächste Ansiedlung ist immerhin fünfzehn Kilometer entfernt. Aber mit einem Auto kann man das prima schaffen. Die Höfe abklappern und hier und da immer etwas Milch abzapfen. Kann schon sein, meint meine Frau. Also legen wir uns diese Nacht auf die Lauer! Das ist eine sehr gute Idee, gebe ich ihr zu verstehen und wir verschwinden wieder im Haus.

Die erste Nacht hat nichts ergeben. Niemand ist in den Stall gekommen und hat Milch abgezapft. Aber Susi und Ulla haben wiederum nur sehr wenig Milch gegeben. Wie kann das sein? Wir müssen uns eben noch eine Nacht um die Ohren schlagen. Aber diesmal bin ich in den Stall gegangen und meine Frau und die Kinder, die wollten auch unbedingt, haben draußen Wache geschoben. Was ich im Stall beobachten konnte, schlägt dem Fass den Boden aus. Sie glauben es nicht, aber es war so, ich schwöre es. Die Susi und die Ulla, die direkt nebeneinander stehen, haben sich gegenseitig gemolken. Die Milch haben sie in einen Behälter laufen lassen, auf dem Schweiz stand. Dort ist also unsere gute Milch gelandet. Aber warum haben die das getan?

Als ich meiner Frau davon erzählte, hat die mich ausgelacht. Dann wurde sie ernst und gab mir den Rat, mit den Kühen einmal Tacheles zu reden. Das habe ich auch getan. Euch geht es doch gut bei uns. Im Winter habt ihr einen warmen Stall und bekommt nur bestes Futter von der Futterwiese und im Frühling und Sommer seid ihr draußen auf der Weide und dort bekommt ihr immer das frischste Futter, das man sich vorstellen kann. Also, warum wollt ihr eure Milch nicht mehr uns abgeben? Wir sind doch darauf angewiesen! Wenn ihr das weiter so macht, dann müssen wir euch verkaufen oder den Laden hier zumachen. Uns fehlen die Einnahmen eurer Milch. Überlegt euch das bitte noch einmal. Aber die Kühe blieben stur. Ich habe sie dann verkaufen müssen. Von dem Erlös haben wir uns eine weitere Hochleistungsmilchkuh gekauft, die bestens funktioniert. Den Rest haben wir in zwei Kälbchen angelegt. Wenn die groß sind, dann hat sich unsere Investition sicherlich gelohnt.

 

© GOO, April 2013

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