Friede den Hütten

Eigentlich war es purer Zufall, dass wir auf unserer Suche nach einem Supermarkt an diesem weithin sichtbaren Gebäude des Güstrower JobCenters vorbeigekommen sind. Die Lage scheint ideal gewählt, denn auf einer gedachten Verbindungslinie zum Bahnhof befindet sich eine Imbissbude, an der man sich für wenig Geld mit Fastfood verköstigen und dazu ein gekühltes Bier genießen kann. Letzteres scheint hier reichlich konsumiert zu werden, besonders an einem so schönen Tag wie heute, unserem Ankunftstag für unseren Kurzurlaub in der Geburtsstadt meiner Frau: Krakow am See.

 

Bushaltestelle in Güstrow

Die andere Hälfte Der Bushaltestelle

 

Seien Sie nicht allzu betrübt, wenn Sie, wie wir an diesem Sonntag im April, in Güstrow auf den Bus nach Krakow warten müssen. Er wird Sie irgendwann mit Sicherheit nach ungefähr dreißigminütiger Fahrzeit ans Ziel bringen. Inmitten einiger einst gewiss prachtvoll gewesener, nun dem Verfall preisgegebener Gebäude, die die sehr moderne Bushaltestelle säumen, befindet sich zu rechten Seite ein kleiner Park mit zahlreichen Bänken. Kein Messingschild finden sich hier angebracht, das eventuell darauf hinweisen könnte, dass sich ein Verein oder ein wohlhabender Privatier ein – wenn auch kleines – Denkmal setzen wollte. Diese Bänke sind sozusagen kommunales Eigentum, von dem es hier in der Region immer weniger gibt, weil es keine besondere Hebelwirkung besitzt.

 

Blühende Landschaften an der Bushaltestelle

Blüht nicht mehr

 

Nehmen Sie Platz auf einer dieser Bänke und schauen Sie dem bunten Treiben vor dem Schnellimbiss zu. Dies wird Ihnen die Zeit im Nu vertreiben, und mit Sicherheit ist der Anblick aufschlussreicher, als irgendwo am Mittelmeer in einem Straßencafé zu sitzen und auf den ewig gleichen Hafen zu sehen. Aber vergessen sie bei Ihren Milieustudien den Bus nicht, sonst müssen Sie nochmals zwei Stunden auf den nächsten warten.

Imbisshütte am Bahnhof

 

Hallo, Sie! Wir kennen hier keinen und fühlen uns nicht angesprochen. Hallo, Sie, die Stimme wird lauter, wir drehen uns um. Die Frau in Bahnuniform, die eben noch vor dem Bahnhofseingang hin und her zu flanieren schien, kommt eiligen Schritts auf uns zu. Hallo, Sie, wollen Sie mit dem Zug irgendwo hin fahren?

Wir sehen uns an. Hat sich seit Mehdorns Abgang etwas bei der Bahn geändert? Wir fühlen uns umworben, lehnen jedoch ab. Nein danke, wir warten auf den Bus nach Krakow. Traurig, wie uns scheint, dreht sie sich um und hält nach weiteren Reisewilligen Ausschau.

Wir sind dann mit dem Bus übers Land bis zur Endhaltestelle gefahren. Früher wäre dies der Bahnhof Krakow gewesen, aber dort halten seit September 2000 keine Züge mehr. Also bringt uns der Bus bis zu einem Platz, den man als Einkaufzentrum der Kleinstadt bezeichnen kann: Auf einer Art Shoppingmeile treffen sich hier ALDI, EDEKA, ein Kiosk, sowie mehrere Jugendliche, die der Kleinstadtöde entfliehen wollen und sich an der gegenüberliegenden Haltestelle in Richtung Güstrow aufgereiht haben.

Das, was sie in ihrem Leben erwartet, bleibt genauso unklar, wie die Zukunft jenes alten Mannes, der neben mir auf einer Wartebank sitzt, der nicht mehr mit dem Bus fahren will, der nur noch seine Flasche Korn austrinkt, um sich vielleicht danach die nächste zu holen, im ALDI oder im EDEKA. Oder er wird einfach auf der Bank zusammenbrechen, denn um den schert sich heute keiner mehr. Seine Gesichtszüge verraten dem flüchtigen Blick bessere Zeiten, die er in dieser Stadt erlebt haben musste, so wie der Bahnhof eben – aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Vogel gab einst dem Ort seinen Namen: vom slawischen Kraca abgeleitet, das heißt etwa soviel wie „Ort der Raben oder Dohlen“. Den lieben langen Tag über können Sie sich von diesen „Zwitschermaschinen“ betören lassen. Zu sehen bekommen sie die Sänger aber nur, wenn sie ganz genau hingucken.

Markt in Krakow am See mit Brunnen

 

Krakow ist in diesem Jahr 2009 noch immer kein mondäner Urlaubsort, und manchmal scheint es so, als bedauerten die Bewohner dies. Auf der „falschen Seite“ Deutschland groß geworden, mussten sie mit ansehen, wie sich das kulturelle Erbe von insgesamt ca. 2000 Schlössern, Guts- und Herrenhäuser auflöste und in Flüchtlingsunterkünfte, Konsum-Verkaufsstellen, LPG-Büros, sowie Kindergarten oder Arztpraxen umgewandelt wurde. Erst die Wende hat die einstigen Junker Mecklenburgs und deren Nachkommen wieder ins Land gespült, und so kann jeder – nicht nur der touristisch interessierte Gast – im entsprechenden Ambiente der kulturellen Genüsse frönen, die diese Landschaft zu bieten hat. Das vor mir liegende Prospekt zeigt es mit einem beweiskräftigen Foto: Eine feine Gesellschaft hat sich in traditioneller Anordnung vor einem Gutshaus aufgestellt und scheint sich köstlich zu amüsieren.

Unser Urlaubsort präsentiert sich familienfreundlich: Wasserspiele entlang des Uferwegs, die älteste, unter Denkmalschutz stehende Badeanstalt Mecklenburgs mit hervorragender Wasserqualität, dazu Boots- und so gar Floßfahrten auf dem See. Und wenn Sie die Goetheallee entlang schlendern – dies ist übrigens der Name der Seeuferpromenade am Krakower See – dann werden Sie vielleicht von einem Einheimischen freundlich angesprochen. Auf einem Schild, an der Hauswand angebracht, wird vor einer frei laufenden Katze gewarnt, die jeden Fremden anzufauchen droht, der sich ihr zu nähern versucht. Ein netter Schnack, fünf Minuten, mehr nicht, mit dem weißbärtigen Eigentümer wird den Morgen noch leichter machen als er schon ist.

Warnung

 

Am See entlang zu gehen kann sich zur Sucht entwickeln, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Die Spaziergänge am See sind einfach beruhigend, wunderschön und in der Frühlingszeit immer vom Gezwitscher der vielen Vogelarten begleitet, die es hier gibt und hoffentlich noch lange geben wird.

Der alte Mann und der See, das Verweilen am Ufer, das stumme auf den See blicken. Was der See einmal hat, das gibt er nie wieder her – und ein Gefühl wie Wehmut kommt auf, weil man an manche verpasste Gelegenheit im eigenen Leben erinnert wird. So ist der See die Trennungslinie und gibt zugleich den Blick auf die andere Seite frei, die sich hier nicht am anderen Ufer, sondern am selben Ufer befindet. Da, wo man gerade ist, offenbart sie die Janusköpfigkeit einer jeglichen Existenz.

 

Am See 1

Am See 2

 

Hallo, Sie! Warum irren Sie hier umher! Haben Sie sich verlaufen? Das ist ganz unmöglich. Verlaufen kann man sich hier garantiert nicht. Aber es ist immer möglich, aus dem Zug zu steigen, in den man gerade eingestiegen ist.

© goo, April 2009

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