Friede den Hütten

 

Thomas Bernhard schreibt seine Texte in einem Atemzug. Keine Kapitel, keine Absätze, ein Satz neben dem anderen, Erinnerungen, eine Rahmenhandlung, die in drei Sätzen erzählt ist, ein Wort, das, nur einmal gesprochen, dem zum Schicksal wurde, der seither sein Grab schaufelt. Der Untergeher ist Titel, der Untergang ist Inhalt und Wort, wie sollte es auch anders sein. Kundera hat einmal gesagt dass der roman die ontologische essenz dessen ist was in wenigen worten vom autor angelegt wurde Ein kampf gegen windmühlen sicherlich auch wenn es nur ein wort ist ein wort zu viel eben ein vernichtendes wort ein wort das einen prozess in gang setzt der lange zeit ertragen werden kann Das untergehen hat seinen sinn in einer lang andauernden bewegung die bleibende situation sozusagen solange der vorrat reicht eben und endlich dort enden muss wo alles endet Der sich dem untergehen hingebende muss alles beenden was ihm einst so viel bedeutete. Das klavierspielen kann als selbstdefinition herhalten solange da nicht ein anderer ist der es besser kann der es einem ins gesicht sagt wie der stand der dinge ist der nicht zurückschreckt keine vorbehalte kennt ein Genie eben das sich alles herausnehmen kann um immer wieder dort zu bohren wo andere schon längst das handtuch geworfen haben und dazu bedarf es eben nicht viel ein wort im richtigen moment gesprochen setzt sich fest wie eine klette und beraubt dem ich den unterbau das fundament die selbsttäuschung oder auf was es sich auch immer in dieser welt gestellt sehen will Das ich entdeckt in seinem eigenen untergang den untergang aller der natur die sich gegen das ich stellt weil das ich sich gegen die natur gestellt hat weil es das ich etwas sein will was es niemals sein kann nur in der vorstellung eben da kann der klavierspieler ganz das instrument sein auf dem er spielt und Glenn Gould hätte niemals pianist gesagt immer waren es klavierspieler und er war ein ganz besonderer der dann das wort sagte auf dem sich die welt zusammenzog und jeder Satz jeder gedanke in diesem buch einen Untergang beschreibt von denen es doch so viele auf der welt gibt und mit denen man entweder fertig werden kann oder aber nicht So wird der arzt der die mitteilung an den patienten hat das todesurteil sozusagen genau das wird der arzt ihm sagen müssen nicht weil er untergang will weil er klare verhältnisse schaffen muss Lungenkrebs da lässt sich nicht mehr so viel machen 3 monate oder höchsten 2 jahre noch so ist der untergang hier wenigsten noch auf eine begrenzte zeitspanne fixiert aber wie es mit dem klavierspieler ist der sich als untergeher bezeichnet sieht das wissen wir alle wenn wir das buch gelesen haben und auch den letzten luftzug mitbekommen indem die Goldbergvariationen von Glenn Gould gespielt auf Wertheims plattenspieler aufgelegt werden denn nur er konnte klavier sein in diesem stück und kein anderer auf dieser welt.

Lesen Sie dieses Buch in einem Atemzug ohne Ruhepause. Legen Sie dazu die Goldbergvariationen auf und Sie werden erstaunt sein, welch sinnliches Vergnügen der Untergang des Untergehers bereiten kann.

© GOO, November 2010

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