Friede den Hütten

 

 

 

Birken am See

 

Kindheit in einer heilen Welt

 

 

 

Elisabeth Suppes

(1921 – 1987)

 

Hrsg. Birgit Ohlsen

 

 

Wenn die Kurve des Lebens sich zu neigen beginnt und das Morgen oder gar Übermorgen sich unseren Planungen entzieht, leben wir mehr und mehr »rückwärts“, und ungerufen tun sich Erinnerungen auf aus dem Unterbewußten, Gedanken, Gefühle und Ereignisse, die man in den Turbulenzen des Lebens längst untergegangen glaubte. Es entwickeln sich vor unserem geistigen Auge alte Bilder neu - Schwarz-weiß-Fotos mit der Patina des Alters. Und doch sind diese Bilder in der Erinnerung farbig, klar und leuchtend, noch nach so vielen Jahren.

Der Anlaß dieser Aufzeichnungen sind nicht etwa literarische Ambitionen irgendwelcher Art, es ist auch nicht eine Art Flucht aus einer so veränderten Gegenwart in eine traumhafte Vergangenheit. Sie entstehen lediglich aus dem Wunsch heraus, daß die Erinnerung an das Land meiner Kindheit nicht mit mir sterben möge.

 

Freiburg im Breisgau, 1981

 

Elisabeth Suppes

Birken am See

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung

 

In den ersten Jahren nach der Flucht war der Verlust der Heimat schneidend wie ein körperlicher Schmerz. Er ist milder, geworden im Laufe der vielen Jahre, überlagert von so manchem schicksalhaften Ereignis meines späteren Lebens, doch ist die Wunde nie völlig verheilt.

Ich liebe die Natur überall, wo sie mir echt und unverfälscht begegnet, aber die Heimat hat ihre Wurzeln in mir hinterlassen. Unauslöschlich stehen vor meinem Auge die Bilder ihrer ständig wechselnden, vielfältigen Landschaft, deren Gegensätzlichkeiten letztlich doch immer einmündeten in ein Ganzes voll Harmonie und unendlichem Frieden. Es war ein Land wie aus einem nordischen Märchen - mit seinen hohen Buchen, uralten Eichen, dunklen Kiefern- und lichten Birkenwäldern, mit seinen Hügeln, Mooren und weiten Heideflächen und der schier endlosen Kette großer und kleinerer Seen - ein Land zum Träumen.

Hier war, in ihren überschaubaren Grenzen, die Welt noch in Ordnung, so wie die Schöpfung sie gewollt hatte, und dem Menschen, der sich im Einklang fühlte mit der Natur, eine immer wieder sich erneuernde Quelle für Frieden und Kraft. Ich bin als Kind in ihre Geborgenheit hineingewachsen, und noch zu heute vermag ich einen Nachklang der tiefen Beglückung zu empfinden, in der Sorgen und Kümmernisse ihre Bedeutung verloren und nichts blieb als Dank. Krakow - das war für mich mehr als das kleine, unbedeutende Städtchen - es umschloß mein ganzes, großes Kinderglück.

Sein geschichtlicher Ursprung reicht weit zurück in die Zeit der wendischen Besiedelung, aus der auch die meisten mecklenburgischen Ortsnamen sich herleiten. Das Fischerdorf "Krakowe" erscheint bereits in ältesten Urkunden. Als die Heere der deutschen Fürsten über die Elbe nach Osten vordrangen, wurden die slawischen Wenden nach erbitterten Kämpfen besiegt und unterworfen. Der letzte freie Wendenfürst schließlich arrangierte sich in staatsmännischer Klugheit und Vorausschau mit den Eroberern, und so regierte das Geschlecht der Obotriten als ältestes in Europa in ununterbrochener Folge im Schloß zu Schwerin bis zum Sturz des letzten Großherzogs im Jahr 1918. Dem Haus der Obotriten entstammte u.a. nicht nur die letzte russische Zarin, sondern auch Prinz Heinrich der Niederlande, Großvater der jetzigen holländischen Königin. Den Prinzen Heinrich zog es immer wieder zurück in die Stille der mecklen­burgischen Heimat; er besaß das Gut Dobbin, ein paar Kilometer von Krakow entfernt, und man konnte ihm gelegentlich auf einem Spaziergang begegnen. Nach seinem Tod ging Dobbin in den Besitz des holländischen "Shell-Königs", Sir Henry Deterding, über.

Erlauchte und sonstige Familien mit uralten, historischen Namen gab es überall im Umkreis unseres Städtchens. Unersetzliche Werte an Kultur und Tradition gingen im Chaos des Jahres 1945 unter.

 

Wo alles begann: Mein Elternhaus

 

Historisch nicht ganz so bedeutsam, jedoch auch nicht gänzlich ohne geschichtlichen Hintergrund, war mein Elternhaus, das der Geborgenheit meiner Kindheit den äußeren Rahmen gab. Um 1800 als Unterkunft für durchreisende Fürstlichkeiten erbaut, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Apotheke darin eingerichtet. Doch waren die Spuren früherer Eleganz nicht völlig verloren; man konnte sie noch erkennen in der großzügigen Konzeption des Hauses, der breit geschwungenen Treppe und der Anlage der oberen Räume, die - fünf an der Zahl - groß, hoch und durch weite Flügeltüren miteinander verbunden waren. Unvorstellbar erscheint einem heute seine Weitläufigkeit mit 14 Zimmern, Küchenräumen im Seitentrakt, Nebengelaß jeder Art, einem riesigen Dachboden und etlichen Wirtschaftsgebäuden.

 

Der Garten war eine kleine, abgeschlossene Welt für sich; den zweiten Seitenflügel bildete die Kirchenwand, und Stallungen grenzten die Rückseite gegen die Außenwelt ab. Unser Kirchlein, alt und efeubewachsen, hatte - in seiner langen Geschichte mehrfach abgebrannt - außer einem recht bemerkenswerten Barockaltar keine architektonischen oder sonstige Kostbarkeiten aufzuweisen. Aber durch seine unmittelbare Nähe - wir wohnten ja gewissermaßen Wand an Wand mit dem Herrgott - war es irgendwie ein Stück unseres Zuhauses, wenn wir dadurch auch nicht geradezu zu leidenschaftlichen Kirchgängern wurden. So mischen sich in meiner Erinnerung die Klänge der Orgel mit dem Tschilpen der Spatzen, die in unerschöpflich neuen Generationen die dicken Efeupolster an Kirche und Haus bewohnten, mit dem Gackern, Krähen und Gurren unseres Federviehs.

Die Bewohner unseres Hinterhofes wechselten: In meiner frühesten Erinnerung waren es nur "gewöhnliche" Hühner, doch verdankten wir im Laufe der Zeit den spontanen Eingebungen unseres Vaters auch Perlhühner, Pfauentauben und eine Chinchilla-Kaninchen-Zucht, mit der wir - so seine enthusiastische Ankündigung - demnächst ein Vermögen verdienen würden... Als erste verschwanden dann die Perlhühner wieder, da sich der Herr Pastor nebenan in seiner Sonntagspredigt durch ihr penetrantes Geschrei irritiert fühlte. Schließlich hatte Mutter von dem gesamten gackernden Federvieh genug, und die Hühner wanderten so peu-à-peu in den Topf, ungeachtet unseres herzzerreißenden Gejammers. Bis einer von uns, inspiriert durch das hysterische Glucken einer der restlichen Hennen, eine Idee hatte: Wir investierten unser Taschengeld in einer Portion Eier vom Kaufmann an der Ecke und schoben sie der Henne heimlich unter. Als dann die süßen, kleinen Flaumbällchen ausschlüpften, hatte Mutter natürlich nicht das Herz, unser Glück zu trüben.

So gackerte und gurrte es also weiter auf unserem Hühnerhof, und diese Idylle wurde nur gelegentlich jäh unterbrochen, wenn "der Sperber kam". Es waren bestimmt Generationen von Sperbern, aber mit unfehlbarer Sicherheit fanden sie immer wieder den Weg zu uns. Auch meinen schießwütigen Brüdern ist es nie gelungen, sie von dieser Gewohnheit abzubringen.

Es gab auch noch andere geflügelte Bewohner in unserer Nachbarschaft: die Eulen im Kirchturm und unzählige Fledermäuse, die in seinem Gebälk hausten. Auch sie haben ihren Platz in den Bildern meiner Erinnerung.

 

Die Familie Suppes

 

Im Mittelpunkt meiner Erinnerung steht natürlich die Familie, und so soll von ihr nun ausführlich berichtet werden.

Mutter war schon siebenundzwanzig - für die damaligen Maßstäbe also bereits ein spätes Mädchen – als sie unseren aus dem Hessischen in den hohen Norden verschlagenen Vater ehelichte. Da sie den Mann ihrer Träume nicht bekam, hatte sie sich wohl schon mehr oder weniger mit dem Los abgefunden, entweder sitzen zu bleiben oder - die einzige Alternative Ihrer Generation - Lehrerin zu werden. Sie wäre bestimmt eine gute geworden, doch wurde sie dann, zu unserem Glück, eine noch viel bessere Mutter.

Vater war zu dem Zeitpunkt schon uralt (wie wir fanden), in den Vierzigern und bereits einmal geschieden, also gewissermaßen second hand.

Der Kronprinz, Friedrich-Karl, wurde 1915 geboren. Ihm folgte unser Revoluzzer Hans-Hermann, geboren während der Novemberrevolution 1918. Vielleicht war und blieb er aus diesem Grunde zeit seines Lebens ein Rebell mit einem unbändigen Drang zum Abenteuer; seine "Sturm- und Drangzeit" hat er nie überlebt. Reichlich zwei Jahre später kam dann ich als Schlußlicht, eine winzige Portion Mensch, die - wie Großmutter zu sagen pflegte - in jede größere Zigarrenkiste gepaßt hätte. Na ja (um mit Klein-Erna zu sprechen) - auf dem Höhepunkt der Inflation waren wohl eben "die Zutaten nicht mehr so“... Vermutlich zum Ausgleich für meine Winzigkeit bekam ich gleich eine ganze Reihe von Namen, wobei man mir unfairerweise, wie das Eltern so an sich haben, kein Vetorecht einräumte.

Es muß eine recht bunte Mischung von Wünschen gewesen sein, die mir meine drei Patinnen in der Gegensätzlichkeit ihrer Lebensumstände mit auf den Lebensweg gegeben haben: die hanseatisch-strenge, würdevolle Gutsherrin, die lebenslustige, charmante russische Emigrantin und schließlich die biedere Honoratiorengattin aus Mutters Heimatstädtchen.

So wurde ich also mit Elisabeth, Anna, Maria, Toni quasi eine amtlich beglaubigte Person. "Toni" war ja nun für mein Empfinden schon der Gipfel - doch es kam noch besser, was mir die Eltern jedoch in einem verspäteten Gefühl von Schuldbewußtsein zunächst wohlweislich unterschlugen. Entsprechend dem Zeitgefühl für Tradition und Pietät führte am Vornamen meiner beiden Großmütter kein Weg vorbei: Auguste ... Es war ein großer Schock, als ich eines Tages dahinter kam, und eine Mordsgaudi für meine Brüder, die natürlich keine Gelegenheit ausließen, mich damit zu hänseln. Besonders Hans bewies auf diesem Gebiet einen schier unerschöpflichen Einfallsreichtum. Doch irgendwann wurde ich weise und behielt meine Wut für mich; damit verlor dann die Hänselei schlagartig ihren Reiz.

Andererseits war aber auch er ein sehr liebevoller Bruder, der, handwerklich besonders geschickt, die süßesten Puppenmöbel für mich schnitzte, meine Puppenstube mit elektrischem Licht versorgte und ähnliches.

Die Brüder waren in all ihren Streichen und oft abenteuerlichen Unternehmung echte Landjungen, denen nichts über die Freiheit in Wald und Feld ging und die es in jeder besseren Prügelei mit den anderen Jungen aufnahmen. Daran änderte zunächst auch die humanistische Bildung nichts, die ihnen nach unser Umschulung in die Kreisstadt Güstrow auf dem altehrwürdigen Gymnasium vermittelt wurde - oder werden sollte. Bei Hans hatten alle diesbezüglichen Bemühungen recht wenig Erfolg, während Friedel bald mehr und mehr den Dorfjungen ablegte und schließlich seinem Reifezeugnis eines traditionsreichen humanistischen Gymnasiums voll gerecht wurde.

Ich selbst blieb, wenn auch inzwischen der Zigarrenkiste entwachsen, noch weiterhin ein zartes Persönchen, jedoch mit einem absolut nicht unterentwickelten Dickkopf. Nachdem die Brüder natürlich früher als ich in die Schule gekommen waren, wurmte mich meine Ignoranz maßlos. Die fundamentalen Wissenschaften des Lesens und Schreibens waren mir bereits vertraut, als ich die Eltern endlich erweichen konnte, mich ebenfalls in die Schule zu schicken. So geschah es also, daß ich im reifen Alter von knapp fünf Jahren unbeschreiblich stolz zwischen den Brüdern in die Schule wanderte. Wie eine historische Fotografie beweist, war mein Schulranzen (über dunkelblauem Matrosenkleid, versteht sich!) fast größer als das ganze kleine Mädchen selbst.

Was die Mitglieder unserer Familie anbelangt, so wäre - last but not im entferntesten least - noch unsere Großmutter nachzutragen: die verwitwete Frau Kreistierarzt, Kusine des großen Werner von Siemens, streng und würdig in, wie mir schien, stets den gleichen hochgeschlossenen schwarzen Gewändern. Doch war sie bei aller äußeren Herbheit unser gutes, geliebtes "Größing", eine "echte" Großmutter noch, die uns heimlich verwöhnte und herrliche Geschichten aus ihrer Kindheit erzählte, mit denen sie es sogar fertigbrachte, am Heiligen Abend vor der Bescherung drei zappelige Kinder zu bändigen.

 

Der Ernst des Lebens

 

Unsere Schule war - natürlich - nicht etwa die örtliche Volksschule, sondern eine private Institution, finanziert von den Krakower Honoratioren. Sie hatte nur ein paar Dutzend Schüler - unser ganzes Städtchen zählte damals etwa zweieinhalbtausend Einwohner - und nur sieben oder acht Klassen. Die meine bestand aus ganzen vier Figuren, zwei Mädchen und zwei Jungen, und da meine drei Mitschüler die Weisheit nicht gerade mit Löffeln gegessen hatten, war es für mich kein besonderes Kunststück, die Spitze zu halten. Zu diesem Zeitpunkt machte mir die Schule, lernbegierig wie ich war, noch Spaß, und so sahen die Eltern keinen Anlaß, meinen Bildungsdrang zu bremsen, auch wenn sie meinem frühen Schulbeginn zunächst nur sehr zögernd und "auf Probe" zugestimmt hatten.

Aus diesen ersten drei Schuljahren erinnere ich nicht mehr allzu viel Erzählenswertes, außer der Tatsache, daß ich zum ersten (und, wie ich glaube, auch letzten) Mal während meiner Schulzeit nachsitzen mußte. Daran war eigentlich mein Freund und Banknachbar Hans schuld, der, ständig Dummheiten in Kopf, wieder einmal irgendetwas ausgefressen hatte und dafür bestraft werden sollte. Ich allerdings hielt diese Strafe für ungerecht und brachte dies aus höchst aufsässig und in ungeziemender Weise zum Ausdruck. So saßen wir also gemeinsam nach.

Besagtem Hans (er war der Sohn eines Metzgers) verdanke ich auch eine der wenigen Ohrfeigen, die mir meine ansonsten sanfte und nicht gerade temperamentvolle Mutter jemals verabfolgte: Hans hatte weiße Mäuse bekommen und meine Neugier darauf schon während des Unterrichts zum Siedepunkt geschürt. Kein Wunder also, daß ich der Versuchung nicht widerstehen konnte und nach Schulschluß mit ihm nach Hause ging, hintenherum am Bach entlang und damit der brüderlichen Kontrolle entzogen, anstatt brav in Richtung auf den heimischen Mittagstisch zu marschieren. Die Mäuse faszinierten mich dermaßen, daß ich Zeit und Stunde vergaß. Als ich mich schließlich an Heim und Familie erinnerte, wurde mein endliches Erscheinen zwar mit Erleichterung, aber auch mit erheblichem Zorn (siehe oben) zur Kenntnis genommen. Und damit hatten gewissermaßen "schlag"artig weiße Mäuse für mich ihren Reiz verloren.

Im Vorgriff auf einen späteren Zeitraum sei hier angemerkt, daß ich auch die letzte Ohrfeige, die ich von Mutter je bezog, männlichen Überredungskünsten verdankte. Doch spielte sich dieses Drama schmachvollerweise nicht im stille Kämmerlein ab, sondern coram publico, auf offener, glücklicherweise nicht großstädtisch beleuchteter, Straße: Ich war sechzehn und hatte, ungeachtet meines vorgerückten Alters, den strikten Befehl, spätestens um zehn Uhr von einer Tanzveranstaltung im Kurhotel zu Hause zu sein. Was ich natürlich nicht war. Schließlich war ich ja kein Baby mehr! Mutter war jedoch gänzlich anderer Meinung und sah solcherart die Tugend ihrer Tochter in Gefahr. So machte sie sich also mit Annemie (von der später noch die Rede sein wird) als Schützenhilfe auf, um mir die Leviten zu lesen und mich in den Schoß der Familie zurückzuholen. Als ich bereits auf dem Heimweg war, passierte es. Auf die schallende Ohrfeige war ich nicht gefaßt gewesen! Der mich heimbegleitende Jüngling wurde bleich und keines Blickes gewürdigt, er konnte nur noch stottern: "Aber, gnädige Frau ...." (er war Berliner und der feineren Lebensart kundig), als ich von Mutter in eisigem Schweigen nach Hause eskortiert wurde.

 

Unvergessene Gefährten

 

Bei der Aufzählung unserer Familienmitglieder dürfen schließlich auch unsere Vierbeiner nicht vergessen werden, die natürlich in unserem Dasein eine große Rolle spielten. Der erste, an den ich mich erinnere, war Dackel Knirps. Von ihm ist mir kaum mehr im Gedächtnis als die Tatsache, daß er als gefährlicher Rattenjäger einmal eine solche von legendärer Größe erlegt hatte. Vor allem aber mein herzzerreißender Kummer, als er eines Morgens, mittlerweile ein alter Herr, tot in seinem Körbchen lag.

Der nächste vierbeinige Hausgenosse war Tell, ein grau-braun gefleckter Vorstehhund. Nachdem er den Briefträger in die Hosen und unsere Waschfrau in einen nicht näher zu bezeichnenden Körperteil gebissen hatte, wurde er jedoch umgetauscht. Es kam ein neuer Teil, einfarbig braun dieses Mal und sanft wie ein Lamm. So sanft, daß er vermutlich auch nur freundlich mit dem Schwanz gewedelt hat, als eines Nachts Einbrecher in Vaters Kontor einstiegen. Er war möglicherweise ein guter Jagdhund - in welcher Eigenschaft er sich sein tägliches Fressen verdienen sollte –, als Wachhund aber war er glatt durchgefallen.

Da Vater sich von seinem heißgeliebten Teil nicht trennen wollte, blieb also nichts anderes übrig, als einen zweiten Hund, einen scharfen diesmal, anzuschaffen. Der "scharfe" Kund, der uns dann eines Tages, drei Monate alt, mit einer Unzahl von Flöhen behaftet und auf Schritt und Tritt Pfützchen hinterlassend, vom Dobbiner Förster ins Haus gebracht wurde, war eine süße kleine Dackeline, die wir "Susi" tauften. Sie wurde bald der verwöhnte, inniggeliebte Mittelpunkt der Familie und zu einem untrennbaren Teil meiner Kindheit und Jugend. Mit zunehmender Reife wurde sie auch wirklich ein erstklassiger Wachhund, tapfer und absolut furchtlos. Nur wenn Mutter den Staubsauger in Bewegung setzte oder die untrüglichen Anzeichen für ein drohendes Anti-Floh-Bad zu erkennen waren, verkroch sie sich angstbebend in die hinterste Ecke unter dem Sofa. Dafür jagte sie dann aber erbarmungslos und mit gefährlichem Gebell jeden ahnungslosen Radfahrer in die Flucht.

Tell fand übrigens ein trauriges, wenn auch nicht unrühmliches Ende: Nachdem Vater die Jagd aufgegeben hatte, verkümmerte der arme Kerl als Stubenhund, so daß Vater sich schweren Herzens entschloß, ihn zum Dobbiner Förster zu geben, wo er seine Funktion als Jagdhund wieder voll ausüben konnte. Das tat er dann auch brav, bis eines Tages Sir Henry Deterding höchstpersönlich ihn für ein flüchtendes Reh hielt…

 

Gute Geister: Annemie und Willem

 

 

Da Vater mit der Apotheke allein nicht fertigwerden konnte, hatten wir in unserem Haushalt auch ständig eine Helferin. In den ersten Jahren, in die meine Erinnerung zurückreicht, gab es hier immer wieder neue Gesichter. Erst sehr viel später kam mir der Verdacht, daß dies mit eventuellen amourösen Neigungen unseres Herrn Papa zusammenhängen könnte. Er war unverkennbar ein echter Nachfahre seiner französischen Ahnen, die kaum eine ausgesprochene Vorliebe für die solide, aber nicht unbedingt aufregende Hausmannskost mecklenburgischer Prägung gehabt haben dürften.

Aber schließlich - sei es nun, daß Vater in die Jahre kam, wo er den Wert eben dieser (übrigens hervorragenden) Küche mehr zu schätzen lernte oder daß Annemie mit ihrer großstädtischen Schnodderigkeit von vorn- herein nicht das geeignete Objekt war - hörte der ständige Wechsel auf. Annemie wurde in Freud und Leid ein Teil unserer Familie und für uns Kinder die Vertraute, an die wir uns mit all unseren Problemchen wenden konnten; mit ihrem unverwüstlichen Humor rückte sie alles wieder zurecht. Sie war es auch, die uns deckte, wo immer es möglich war, wenn wir etwas ausgefressen hatten, die Antworten hatte auf Fragen, mit denen wir uns an unsere liebe, gute, aber sehr sittenstrenge und ausgesprochen prüde Mutter nicht heranwagten.

Aber noch bevor Annemie in unserem Haus auftauchte, kam "Willem", Chauffeur, Faktotum, Universalgenie, Mädchen für alles - ganz und gar ein Kapitel für sich.

Von den Dienstmädchen, die Mutter im Laufe der Jahre mehr oder weniger hilfreich zur Seite standen, ist mir keines in Erinnerung geblieben. Bis auf unsere letzte Perle, "Pulsen". Ihrer Jugend Maienblüte lag schon einige Zeit hinter ihr, aber obwohl ihre einschlägigen Erfahrungen (ihr Angetrauter hatte sie sitzen lassen) nicht die besten waren, hatte sie ständig irgendein Mannsbild im Visier. An ihren jeweiligen Romanzen ließ sie Mutter in köstlicher Naivität teilhaben, was im Familienkreis immer wieder Anlaß zu Heiterkeitsausbrüchen gab.

 

Schulzeit in Güstrow

 

Als ich die dritte Klasse in unserer Krakower Schule absolviert hatte, ging letzterer das Geld aus, und da Bruder Friedel ohnehin schon ihr gesamtes Wissensangebot (mehr oder weniger) aufgesogen hatte, standen uns grundlegende Veränderungen ins Haus: Wir mußten nach Güstrow umgeschult werden. Für mich mit meinen kümmerlichen drei Schuljahren bedeutete das zunächst erst einmal wieder "Aufnahme zur Probe", wenngleich ich auch die Aufnahmeprüfung in die Sexta ohne Mühe schaffte. So setzte ich also im reifen Alter von acht Jahren dort meine Karriere fort. Logischerweise waren meine Mitschülerinnen alle mindestens zwei Jahre älter als ich, und dementsprechend war und blieb ich immer das Klassenbaby, gelegentlich "Süppchen" genannt. Doch konnte ich zumindest geistig mühelos Schritt halten, was ich den "Großen" mit inniger Genugtuung demonstrierte. Nicht zuletzt auch meinem lieben Bruder Hans, der bald nach unserer Umschulung, weniger aus Mangel an Intelligenz als wegen seiner sträflichen Faulheit, hängen blieb. Welch ein Erfolgserlebnis für mich, als wir damit in der gleichen Klasse waren! Etwas problematischer und nicht ganz ohne Komplexe wurde meine Situation den Mitschülerinnen gegenüber, als sie in das Alter für Tanzstunde und erste Flirts kamen, von denen dann in der Schule mit viel Gekicher und Heimlichtuerei berichtet wurde. Da konnte ich nicht mithalten. Noch nicht... Ich gestehe allerdings: ich habe das später ausgiebig nachgeholt.

Da die Zugverbindungen nach Güstrow miserabel waren, glaubten die Eltern uns die Strapaze eines solchen Schulweges nicht zumuten zu können. So gab es also nur eine Möglichkeit: ein Auto mußte her! Aber damit allein war es nicht getan. Da Vater zum einen in der Apotheke unabkömmlich war und zum anderen auch nicht die geringste Neigung verspürte, sich in seinem Alter und mit seinem stattlichen Embonpoint (es widerstrebt mir, diesen würdigen, mit schwerer goldener Uhrkette dekorierten Körperteil schlicht "Bauch" zu nennen) hinter ein Lenkrad zu quetschen, mußten wir also einen Fahrer finden, der uns morgens nach Güstrow fuhr und mittags wieder abholte. Vater wurde bald fündig und entdeckte Willem, unser Universalgenie. Zwar hatte er als gelernter Schmied und derzeit Arbeitsloser zunächst noch keine Ahnung vom Autofahren, aber dem wurde mittels einiger Fahrstunden schnell abgeholfen, da er ein ausgesprochenes Naturtalent war. So kam also der stolze Tag, an dem wir vom livrierten Chauffeur (mit silbernem "S" an der Mütze - noblesse oblige!) vor unserer jeweiligen Bildungsstätte vorgefahren wurden.

Mit den Jahren wurde natürlich auch das zur Routine, aber die Tatsache, daß wir Fahrschüler waren, hatte einige nicht unwesentliche Vorteile: Zum einen konnten uns die Lehrer mit Rücksicht auf die beiden restlichen Kinder nicht nachsitzen lassen (wofür wir lieben Kinderchen natürlich auch sowieso niemals Anlaß gegeben hätten!), zum anderen bot uns die morgendliche Fahrt von etwas mehr als einer halben Stunde eine ausgezeichnete Gelegenheit, unsere mündlichen Schulaufgaben zu machen, für die wir zu Hause infolge ausgedehnter anderer Interessen keine Zeit hatten. Die Fahrerei brachte uns auch noch auf einen anderen Trick: Wenn im Winter an manchen Tagen die Straße tief verschneit oder glatt war, überzeugten wir Willem, daß sie an einer ganz bestimmten Stelle mit Sicherheit unbefahrbar sein würde und wir deshalb am besten umkehren sollten. Zu dritt waren wir ungemein überzeugend, und Willem spielte sowieso immer mit. Daß die Straße sich durch ganz besonders gefährliche Glätte vorzugsweise dann auszeichnete, wenn einem von uns eine höchst unangenehme Klassenarbeit drohte, war reiner Zufall.

Hatte Willem nicht zu chauffieren, stieg er aus seiner Livree (ohne die er sich nie hinter das Steuer setzte - da hatte er seinen Stolz!) und wurde mit seinen vielfältigen Talenten zum unentbehrlichsten Teil unserer häuslichen Hilfstruppen. Ob in der Apotheke irgendetwas zu tun war, ob eine eingefrorene Wasserleitung aufgetaut, das Auto oder ein Fahrrad repariert werden mußte - was auch immer: Willem konnte einfach alles. Er bastelte eine komfortable Villa für die Tauben, er zimmerte zum Zwecke unserer körperlichen Ertüchtigung (schließlich lernten wir ja bereits: mens sana in corpore sano) ein Reck für uns und war überhaupt immer da, wenn irgendwo und irgendwie Not am Mann war. Gewissermaßen die Krönung seiner Karriere war seine Hebammenfunktion bei Susi, die ohne seine Hilfe nicht überlebt hätte.

 

Die sogenannte feine Lebensart

 

Er war ein Juwel, unser Willem, eine echte Persönlichkeit. Was ihm an Schulbildung entgangen war, ersetzte er vollauf durch seine zahllosen Talente, seine angeborene Intelligenz und nicht zuletzt auch durch seinen unschlagbaren Mutterwitz, mit dem er uns manches Bonmot lieferte. Und immer war er vergnügt bei der Arbeit, zu der er in der Regel munter pfiff und sang. Zur schönsten Blüte entfalteten sich seine Sangeskünste, wenn er an Sommersonntagen - oder wann immer Mutter ein festliches Essen mit einer Eisbombe krönen wollte – die Eismaschine in Bewegung setzte und sich dabei musikalisch, begleitete. Allerdings mußte er sich mit seinen künstlerischen Darbietungen so lange zu­rückhalten, bis der Pastor nebenan mit seiner Predigt zu Ende war... So war auch "unser Willem" ein Stück meiner Kindheit und ist daraus nicht fortzudenken.

Damit wir nicht gänzlich verwilderten, bemühten sich unsere Eltern auch redlich, uns eine gewisse musische Bildung zu vermitteln. Bruder Friedel ("Friedrich-Karl, "Hans-Hermann" und "Elisabeth" existierten nur auf unseren Taufscheinen) bekam also eine Geige und vermutlich auch irgendwelchen Unterricht, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals ein bedeutendes Werk von ihm gehört zu haben. Er war ohnehin auch mehr für die "auswärtigen Angelegenheiten" wie Reiten, Jagen, Fischen und was sonst in freier Wildbahn so anfiel. Nachdem es auf mir nicht mehr erinnerliche, geheimnisvolle Weise einen echte Pianisten mit Konservatoriumssausbildung nach Krakow verschlagen hatte, ergriffen die Eltern diese einmalige Gelegenheit, und mir wurde Klavierunterricht verordnet. Die Herrlichkeit dauerte jedoch nicht lange; der Klavierlehrer zog weiter, noch bevor ich über den "Flohwalzer" hinausgekommen war. So entging der Welt ein musikalisches Genie...

Die Klavierstunden war ich also glücklich los, doch gaben die Eltern noch nicht auf: Ich bekam eine Blockflöte und, was mich dabei am meisten ärgerte, dazu Unterricht in Güstrow, wodurch meine kostbare ländliche Freiheit in - wie mir schien - unzumutbarer Weise beschnitten wurde. Vermutlich kommt es daher, daß ich bis auf den heutigen Tag eine ausgesprochene Abneigung gegen Blockflöterei habe.

Unser Hans konnte sich erfolgreich um derartige musische Veredelungsversuche drücken, dieweil er hoffnungslos unmusikalisch war. Er hatte es dafür mehr mit dem Sport, was die Urkunden über seinem Bett dokumentierten.

 

Der Königsschuß und andere Feste

 

An "gesellschaftlichen" Ereignissen war unser Leben nicht gerade reich, aber die Feste, die im Verlauf des Jahres regelmäßig anfielen, genossen wir dafür in vollen Zügen. Unvergessene Höhepunkte waren für uns im Sommer das Kinderfest unserer Schule, vor allem aber der sogenannte "Königsschuß", und dann im Oktober der Herbstmarkt, der sich auf dem Marktplatz, direkt vor unserer Haustür, abspielte. Diese atembeklemmende Spannung und Erwartung, wenn die Buden aufgebaut wurden! Daneben gab es natürlich Karussells, ein Riesenrad, manchmal sogar ein Hippodrom, und Stände mit all den kleinen Kinkerlitzchen, die wir mit großen, sehnsüchtigen Augen bestaunten. An jeder Bude, an jedem Stand wurde natürlich probiert: Lebkuchen, gebrannte Mandeln, Kokosnüsse, Zuckerstangen, Lakritzen und frische Krabben aus der Tüte. Welch unvergleichliche Mischung! Aber unsere Mägen waren von entsprechender Robustheit, und es machte uns absolut nichts aus, nach all diesen Genüssen munter im Kettenkarussell oder im Riesenrad zu schaukeln, von wo wir mit Vorliebe die Leute unten mit Knallerbsen bewarfen.

Das Kinderfest, das die sommerlichen Lustbarkeiten einleitete, war nicht etwa einfach irgendein Fest, bei dem man um die Wette lief und herumhüpfte, mal mit Löffel und Ei, mal im Sack. Schon tagelang warf es seine Schatten voraus, denn es galt, Unmengen von Kornblumen, Mohn und Margeriten zu pflücken, aus denen wir Kränze und Bogen machten: Kränze aus Kornblumen für die Haare der Mädchen und blumenbesteckte Bogen, unter denen wir dann feierlich zum „Jörnberg", dem Festplatz zogen, voran - nicht schön, aber laut - die Feuerwehrkapelle. Die Kornfelder waren damals noch keine unkrautfreien, sterilen landwirtschaftlichen Produktionsstätten, sondern voll von buntem, leuchtendem Leben. So hatten wir keine Mühe, die Unmengen von Kornblumen, Kornraden, Mohn und Margeriten zu finden, die wir für unseren Festschmuck brauchten. Bei diesem Kinderfest wurden auch ein "König" und eine "Königin" gekürt, die dann in Schärpe und Kornblumenkrone auf dem obligatorischen Gruppenfoto posierten. Zu derartigen Ehren aufzusteigen gelang mir allerdings nie; ich gehörte immer zum Fußvolk, das sich mehr oder weniger malerisch im Vordergrund zu lagern hatte.

Das Kinderfest verblaßt in meiner Erinnerung jedoch hinter dem absoluten Höhepunkt der sommerlichen Lustbarkeiten, dem mehrere Tage dauernden Schützenfest, bei uns "Königsschuß" genannt. Ich sehe sie heute noch vor mir, die biederen Bürger unseres Städtchens, wie sie stolz und würdevoll in Ihren Schützenuniformen, mit Schärpen und Fahnen, an der Spitze der "amtierende Schützenkönig", hinter der Blaskapelle durch die fahnengeschmückte Stadt zogen, bevor sie sich zum Festplatz bewegten. Dort wurde zunächst einmal um die Königswürde gerungen, d.h. geschossen, bevor man, nach Ermittlung des Königs, zum "geselligen Teil" des Festes überging, der in der Regel in allgemeiner Besäufnis endete. Für den "König" war das ein teurer Spaß, denn er mußte, so verlangte es die Tradition, die Zeche seiner Schützenbrüder zahlen. Daher kam es wohl, daß merkwürdigerweise immer nur Leute, die sich die Ehre etwas kosten lassen konnten, den "Königsschuß" machten.

Für uns Kinder gab es dabei weniger aufwendige, dafür aber umso köstlichere Vergnügungen wie Karussell, Schießbuden, Glücksräder usw. In den Schießbuden winkten den glücklichen Schützen neben den üblichen "echten und wertvollen" Schmuckstücken die schönsten, knallbunten Papierrosen, Topfblumen sowie herrliche, frischgeräucherte Aale von unvergeßlicher Köstlichkeit. Die Brüder waren beide erstklassige Schützen, und ihre Ausbeute war jeweils entsprechend. Friedel "erschoß" einmal eine Taschenuhr, die er stolz seinem Bruder vorführte. Der sagte nur trocken: "Ich hol' mir auch eine", sprach's und tat's. Ansonsten aber zog er, Charmeur der er war, es vor, für die ihn umlagernde Mädchenschar Blumen zu erschießen, wodurch er begreiflicherweise zum Schrecken der Budenbesitzer wurde.

Übrigens - wie das Leben so spielt: Es geschah beim Königsschuß - dem letzten nach einer langen, traditionsreichen Geschichte, 1939 -, als ein junger Mann namens Bob Ohlsen mit seinem Motorrad zufällig durch Krakow kam und, angelockt von Fahnen, Musik und allgemeiner Feststimmung, seinen Weg zum Jörnberg, der Stätte der Lustbarkeiten, fand, wobei er ahnungslos seinem Schicksal (und dem weiterer Generationen) in die Arme lief ...

 

O du schöne Weihnachtszeit!

 

Wenn der herbstliche Alltag in unserem Städtchen sich schließlich auf Weihnachten zu bewegte, wurden die Vorstandsdamen des Hausfrauenvereins, zu denen auch Mutter gehörte, von fieberhafter Aktivität ergriffen, galt es doch, zur Krönung der alljährlichen Weihnachtsfeier ein Theaterstück einzuüben. Mich traf dabei mit schöner Regelmäßigkeit das Los, eine tragende Rolle zu übernehmen: Ich trug Engelsflügel, goldene Sterne oder was auch immer und hatte in wallenden Bettlakengewändern weihevolle Verse zu sprechen. Es muß ergreifend gewesen sein.

Schließlich kam dann, für uns Kinder unbeschreiblich verzaubert und verzaubernd die Vorweihnachtszeit, voll Geheimnis und Erwartung, Schon früh fingen wir mit unseren Weihnachtsbasteleien für Eltern und Geschwister an, wobei Hans mit seinen geschickten Händen natürlich immer den Vogel abschoß. Ich tat mich da ein bißchen schwerer, bis ich endlich der hohen Künste des Häkelns, Stickens und Strickens mächtig war. So kam Vater, bei dem uns höchst selten irgendwelche lichtvollen Geschenkideen einfielen, im Laufe der Jahre zu einer stattlichen Anzahl von gestrickten Pulswärmern, alle Jahre wieder. Sicherlich waren seine Überraschung und Freude an jedem Weihnachtsfest aufs neue überwältigend. Der Arme - wieviel Mühe muß es ihn gekostet haben, dabei Haltung zu bewahren!

Für Mutter bedeuteten diese Vorweihnachtswochen hektische Betriebsamkeit in den Küchenregionen: Braune Pfeffernüsse, weiße Pfeffernüsse, Butterkringel, Stollen und was sonst noch von einem großen Haushalt mit drei gefräßigen Kindern verkonsumiert wurde, lösten eine wahre Backorgie aus. Dabei standen wir Kleineren ihr hilfreich zur Seite, insbesondere wenn es ans Schüsselauslecken ging und wir aus Teigresten unsere eigenen, höchst phantasievollen Kunstwerke fertigen durften. Mutters braune Pfeffernüsse waren etwas absolut Einmaliges, eine geheimnisvolle Komposition aus Mehl, Rübensirup, Butter oder Gänseschmalz, Sahne, diversen duftenden Gewürzen sowie Pottasche und Hirschhornsalz. Keine Hausfrau bringt heute noch etwas ähnlich Köstliches zustande; mir selbst sind sie nie in solcher Vollkommenheit gelungen. In der Vorweihnachtszeit schmeckten sie unbestreitbar am besten und wurden bereits vor dem Fest erheblich dezimiert. Später ließ unser Interesse daran nach, zumal wir während der Weihnachtstage selbst ohnehin genug andere Süßigkeiten zu bewältigen hatten. So kam es durchaus vor, daß wir zu Ostern noch Reste in den hohen, braunen Blechdosen vorfanden.

Mit der Backerei war aber Mutters vorweihnachtlicher Küchenalltag noch keineswegs ausgefüllt, galt es doch auch, etliche Gänse zu verarbeiten. Unvergeßlich ihre Gänseleberwurst, das köstliche Schmalz oder die geräucherte Gänsebrust! Aus meiner früheren Kindheit erinnere ich mich, daß Mutter sogar halbe Schweine zu diversen leckeren Würsten verarbeitete, da Vater mit seiner Feinschmeckerzunge die gekaufte Wurst nicht schätzte. Über Arbeitsmangel konnte sich Mutter also wirklich nicht beklagen. Ich selbst lernte bei ihr so manches, was wohl in keinem modernen Kochbuch mehr zu finden ist.

Und endlich wurde es dann nach langen Wochen geheimnisvoller Vorbereitungen Weihnachten. Wahrend Mutter am Heiligen Abend papierraschelnd hinter den verschlossenen Türen des „Weihnachtszimmers“ rumorte, hatte Großmutter die undankbare Aufgabe, uns mit Geschichten aus ihrer Kindheit, von denen wir nie genug bekommen konnten, so lange zu bändigen, bis endlich das erlösende Glockengebimmel ertönte und wir - gar nicht weihnachtlich-besinnlich, wie es von uns erwartet wurde - durch die Tür stürmten. Aber damit war die Tortur des Wartens auf das Allerwichtigste, die Geschenke, noch keineswegs zu Ende. Mutter setzte sich ans Klavier und spielte: "Ihr Kinderlein kommet ...", und wir mußten auch noch mitsingen! Aber nicht genug damit: Einer von uns (meistens traf dieses harte Los mich, offenbar hatten sich die Brüder erfolgreich darum drücken können) mußte noch ein weihnachtliches Gedicht oder gar die Weihnachtsgeschichte vortragen.

Schließlich hatten aber die Erwachsenen doch ein Einsehen, und wir konnten endlich - nach andächtiger Bewunderung des Weihnachtsbaumes - zur Sache kommen und das verhüllende Tuch vom Gabentisch heben. Unser Weihnachtsbaum war in jedem Jahr aufs neue sehenswert: eine deckenhohe Fichte, frisch vom Förster aus dem Wald, geschmückt mit den allerschönsten Kugeln, Vögeln, glitzernden Sternen und vergoldeten Zapfen, an der Spitze gekrönt von einem wunderschönen Glockenspiel, das, von der Wärme der Kerzen bewegt, mit seinen zarten Klang den den köstlichen Duft des Baumes, die festliche, feierliche Stimmung musikalisch untermalte.

Das Weihnachten meiner Kindheit war etwas Besonders, und das Zimmer, in dem wir Weihnachten feierten, wird - was immer in späteren Jahren auch daraus wurde in meiner Erinnerung - immer das "Weihnachtszimmer" bleiben. Es war auch der einzige Raum, in dem nach Installierung der Zentralheizung im Haus der schöne weiße Kachelofen mit dem schmiedeeisernen Gitter stehen geblieben war und der schon aus diesem Grund immer einen besonderen Reiz behielt.

 

Jahreswechsel

 

Sobald die Weihnachtsfeiertage - anstrengend, aber seltsamerweise ohne verdorbene Mägen - glücklich überstanden waren, begannen wir Kinder die Silvestervorbereitungen. Konkret bedeutete das, daß wir die einschlägigen Geschäfte heimsuchten, um die schönsten Knallbonbons, Knallfrösche und das sonstige unentbehrliche Zubehör für eine zünftige Silvesterfeier zu erstehen. Für das unvermeidliche Bleigießen sammelten wir schon lange vorher Stanniol von leeren Weinflaschen, mittels dessen wir dann in der Silvesternacht das Orakel befragten. Zum Abendessen gab es bei uns traditionsgemäß einen gewichtigen Spiegelkarpfen, frisch aus der Fischerei unten am See. Solche und ähnliche Köstlichkeiten gab es in vergleichbarer Qualität nirgendwo anders als in Krakow! Hatte Mutter sich von den Tränenausbrüchen beim Meerrettichreiben erholt, ging sie daran, den unentbehrlichen Punsch zu brauen, und wir trieben unseren kindlichen Unfug. Um 12 Uhr wurde es dann feierlich: Vater hatte rechtzeitig den Sekt entkorkt, und unter dem Läuten der Kirchenglocken und dem üblichen Silvesternachtslärm, im bunten Farbenspiel der Raketen, stießen wir alle auf das Neue Jahr an - mit den immer und überall gleichen Hoffnungen und Wünschen.

Nach Neujahr begann ich mich intensiv damit zu beschäftigen, einen Wunschzettel für meinen Geburtstag zu entwerfen. Üblicherweise erschienen darauf alle diejenigen Dinge, die ich mir zu Weihnachten gewünscht und nicht bekommen hatte. Erfahrungsgemäß konnte ich ziemlich sicher sein, sie dann auf meinem Geburtstagstisch zu finden. Diesen doch höchst bedeutsamen Tag pflegte Vater in der Regel zu vergessen, und so sauste er dann meist im Laufe des Vormittags schnell ins Städtchen, um - mit viel Liebe, aber nicht allzuviel Phantasie - noch wenigstens ein Buch und ein paar Blumen für mich zu erstehen. Da unser einziger Buchladen nicht gerade auf hochintellektuelle Bedürfnisse eingestellt war (womit nicht gesagt sein soll, daß ich zu jener Zeit bereits über solche verfügte), erwarb ich so im Laufe der Jahre eine nahezu komplette Sammlung Ganghofer'scher Romane...

 

Ein neues Jahr beginnt

 

Der Januar brachte bei uns meist starke Kälte und viel Schnee, der natürlich von uns Kindern heiß ersehnt und mit Jubel begrüßt wurde. So wurden also die Schlitten entstaubt und frisch gefettet, und los ging's zu den Buchenbergen oder zum Mühlenberg, wo es die herrlichsten Abfahrten gab. Durchnäßt und starr vor Kälte, müde, heißhungrig, aber glücklich kamen wir dann meist erst in der Dämmerung nach Hause. Unser See, sehr tief und von warmen Strömungen durchzogen, fror nur in wirklich kalten Wintern so tief, daß man sich ungefährdet aufs Glatteis begeben konnte. Wir lernten zwar nie, elegante Pirouetten auf dem Eis zu drehen, aber für den Hausgebrauch reichte es durchaus. Mir selbst machte es am meisten Spaß, auf der weiten, verschneiten Eisfläche auf Entdeckungsreisen zu gehen, in jene Gebiete, die bei offenem Wasser nur sehr schwer oder überhaupt nicht zugänglich waren. Columbus kann bei der Entdeckung Amerikas nicht mehr prickelnde Spannung verspürt haben als wir, wenn wir so Insel auf Insel erforschten und dabei unserer Phantasie die Zügel schießen ließen. Zum Teil hatten diese Inseln aber auch wirklich eine Vergangenheit, wie zum Beispiel der sogenannte "Burgwall", der, wie schon sein Name verrät, einmal zu einer Befestigungsanlage gehörte und in Krakows wendischer Geschichte sicherlich eine Rolle gespielt hat.

Je länger der Winter dauerte - und die norddeutschen Winter waren damals in aller Regel lang und hart - desto größer wurde meine Sehnsucht nach dem Frühling, der sich allerdings in unseren Breiten zunächst erst einmal ganz zaghaft durch den Vorfrühling ankündigen ließ. Im Februar gab es meist die ersten Anzeichen für sein Kommen: Die Sonne fing an zu wärmen, auf den Dächern und Bäumen begann der Schnee zu schmelzen, und in Mutters Küche erschien der erste Sonnenstrahl. Wir brachten glückstrahlend die ersten "Kätzchen" heim. Wie glücklich war ich, wenn überall das Tauwasser zu tropfen und gluckern begann! Die Schulaufgaben wurden im Schnellverfahren erledigt, und dann marschierte ich los, in meiner Begleitung wie immer die Hunde. Ich hatte da eine ganz spezielle Bank auf dem "Lehmwerder", einer durch einen schmalen Damm mit dem Festland verbundenen Insel, die immer als erste schneefrei und sonnenwarm war, weil sie ganz geschützt, nur der Sonne zu offen, in einer kleinen, birkengesäumten Lichtung stand. Dort feierte ich in jedem Jahr mein ganz persönliches Vorfrühlingsfest, überließ mich mit allen Sinnen dem Duft von Sonne und frühlingsbereiter Erde, dem Zwitschern der Vögel. Das reine Glück dieser Stunden habe ich nie vergessen.

 

Frühlingsbeginn am See

 

Doch gab der Winter bei uns noch nicht so schnell auf. Es gab immer wieder Kälte und Schnee, und dennoch kam der Frühling unaufhaltsam immer ein Stückchen näher. Vor dem Fenster meines Zimmers wuchs eine Birke, an der Willem einen Starenkasten angebracht hatte. Und eines Märztages war es dann so weit: In den Chor der Spatzen mischten sich zum ersten Mal wieder die melodischen, noch ein wenig zaghaften Kadenzen, mit denen die heimgekehrten Stare ihre Hymne an den Frühling begannen.

Ein weiteres, absolut untrügliches Anzeichen dafür gab es außerdem noch, alle Jahre wieder: In den ersten wärmeren Tagen, wenn der Kirchplatz schnee- und eisfrei war, trafen wir uns dort mit den Kindern aus der näheren und weiteren Nachbarschaft zu leidenschaftlichen Wettspielen. Mit dem Hacken wurden kleine Kuhlen in den oft noch winterharten Boden gebuddelt, der Beutel mit den "Schörlingen" gezückt, und los ging's - stundenlang und mit unermüdlicher Begeisterung, bis einer der Kontrahenten genug hatte oder pleite war. Zur Erklärung für Ausländer: "Schörlinge" waren bei uns jene kleinen, bunten Tonkugeln, die in anderen Breiten als "Murmeln", "Klicker" oder wie auch immer bekannt sind. Ich war ein geradezu fanatischer Schörlingspieler, bis mich mein großer Bruder eines Tages - ich war dreizehn und ging bereits in den Konfirmandenunterricht! - mehr oder weniger gewaltsam nach Hause schleppte, da ich als angehende Konfirmandin für derartige Spiele ja nun wirklich zu alt sei. Mir brach fast das Herz, wenn ich auch eine gewisse Berechtigung der brüderlichen Argumente nicht leugnen konnte. Vielleicht war es aber meiner früheren Könnerschaft im Schörlingspielen zuzuschreiben, daß ich mich in wesentlich reiferen Jahren als echtes Naturtalent im Kegeln erwies... Gelernt ist gelernt!

Jeder sonnige Tag war nun ein bißchen länger, ein bißchen wärmer, und jeden Tag legte ich heimlich ein winterliches Kleidungsstück nach dem anderen ab, denn schließlich war es ja praktisch schon Sommer und v i e l zu warm für lange Strümpfe und warme Unterwäsche. Mutters Warnungen vor Erkältung überhörte ich geflissentlich; man konnte es bei solcher Hitze doch unmöglich noch in Winterklamotten aushalten! Und mit Kniestrümpfen oder gar Socken und frei von allen winterlichen Beschwernissen und Gedanken schwang ich mich dann auf mein Fahrrad in Richtung auf mein Frühlingsparadies, wo ich alljährlich die ersten Leberblümchen, Anemonen und Waldmeister pflückte: auf der schmalen Landstraße zum "Wadehäng", dort über die Brücke, die Binnen- und Obersee trennt, dann auf einem Wiesenpfad zum "Alten Schloß", einer Halbinsel mit wunderschönen, alten Buchen. Geschichtlicher Boden auch hier, wo einmal eine wendische Burg stand. Unvergessen dieses fast unerträgliche Übermaß an Frühlingsseligkeit! Waren die Anemonen verblüht, gab es beim "Alten Schloß" die allerschönsten Himmelschlüsselchen und später im Frühsommer eine ganze Wiese voller Schwertlilien und Vergißmeinnicht. Nirgendwo auf der Welt konnten Blumen farbenprächtiger sein und herrlicher duften!

Unbeschreiblich nach einem langen Winter dieses Gefühl von Freiheit, wenn einem die ganze herrliche Natur wieder offen stand! Wir verbrachten mit unseren Fahrrädern jede freie Minute draußen, für Notfälle gut verproviantiert, d.h. wir ließen von zu Hause ein paar Flaschen Sprudel mitgehen und kauften beim Bäcker um die Ecke ein paar "süße Semmel" - hierzulande als "Schnecken" bekannt - das Stück für fünf Pfennige...

 

Sommerliche Freuden

 

Mit Vorliebe machten wir beim "Wadehäng" Station. Dort wohnten ein paar Fischer und unser spezieller Freund, der alte Hartwig, Wirt des kleinen, alten Gasthauses. Wie faszinierend war der ausgestopfte Seeadler in der Gaststube, von seinem Vater selbst erlegt, noch mehr aber das '"Museum", das ein paar bescheidene Fundstücke vom "Alten Schloß" aus wendischer Zeit und einige andere Gegenstände unklarer Herkunft und Bestimmung beherbergte. Er war ein echtes Original, der alte Hartwig, schlitzohrig und voll von Geschichten, Dichtung und Wahrheit großzügig und augenzwinkernd vermischt. Seine Erklärungen zu den Museumsstücken enthielten im Laufe der Zeit mindestens ein halbes Dutzend verschiedene Versionen.

Unvergessen auch er - nicht zuletzt auch wegen des herrlichen, frisch gefangenen Aals, von Mutter Hartwig mit Könnerschaft zubereitet, den wir bei gelegentlichen Familienausflügen an warmen Sommerabenden dort am See verspeisten, sofern wir nicht vorher von Geschwadern blutrünstiger Stechmücken in die Flucht geschlagen wurden.

Vom "Wadehäng“ bezogen wir auch Spargel von einmaliger Köstlichkeit - "deliziös", um unseren väterlichen Gourmet zu zitieren.

Ach, diese sommerlichen Gaumenfreuden meiner Kindheit! Niemals gab es Erdbeeren mit mehr Aroma und Süße, nirgends wuchsen solche riesigen Walderdbeeren und in derartigen Mengen, daß wir sie eimerweise heimbrachten. Vater zweigte meist eine Portion für eine seiner köstlichen Bowlen ab, die dann abends im Garten unter dem alten Holunderbusch geschlürft wurde. Zu den unvergessenen Sommergenüssen gehören auch die frischen Krebse, die die Brüder mit ihren Kumpanen in Seen und Bächen dutzendweise fingen.

Meine eigenen sommerlichen Vergnügungen fanden im wesentlichen im und auf dem See statt. In keinem Jahr konnte ich es erwarten, bis die Badeanstalt am Jörnberg endlich ihre Pforten öffnete. So besorgte ich mir also ein Ruderboot - beim Kurhauswirt konnte man sie stundenweise mieten - und sprang dann irgendwo in die Fluten. Mein absoluter Wärme- oder besser: Kälterekord war dabei eine Wassertemperatur von elf Grad. Aber trotz blaugefrorener Lippen - es war herrlich, und als leidenschaftliche Wasserratte konnte ich nie genug bekommen. Schwimmen hatte ich mir schon als kleiner Krümel im Do-it-yourself-Verfahren beigebracht, unter gelegentlicher Assistenz von Mutter oder Brüdern. Meine Schwimmkünste waren wohl kaum olympiareif, aber an Ausdauer konnte ich es bald mit den Großen aufnehmen und mit ihnen kreuz und quer über den See schwimmen, zum Lehmwerder oder gar an das andere Ufer. Angst vor den immerhin erheblichen Strecken hatte ich nicht, nur die ekligen Schlingpflanzen, die in manchen Sommern unglaublich wucherten, waren mir nicht geheuer. Rudern lernten wir auch so nebenbei, so daß meinen Entdeckungsreisen auf dem See kaum noch Grenzen gesetzt waren. Großmutter mahnte zwar immer händeringend, daß Wasser keine Balken habe, aber Mutter ließ uns ziehen. Allerdings verschwanden wir gelegentlich auch heimlich und leise, wenn uns das geraten erschien, und ich glaube, sie hat höchst selten eine Ahnung gehabt, wo sich ihre Sprößlinge jeweils gerade aufhielten. Wir meldeten uns lediglich unschuldig und harmlos ab: "Wir gehen ein bißchen raus" - und das war's dann. Nur der Hunger oder die hereinbrechende Dunkelheit brachten uns schließlich wieder zurück an den heimischen Herd. Zu Hause wurden wir nach unseren allzu ausgedehnten Exkursionen ja nicht gerade immer mit jubelnder Begeisterung empfangen, aber das Gewitter legte sich in der Regel bald wieder und war in jedem Fall schon längst vergessen, wenn wir neue Unternehmungen anpeilten.

 

Das große Glück der Freiheit

 

Grenzenlos wurde unsere Freiheit, wenn endlich die großen Ferien herangekommen waren! Die Schulbücher verschwanden in den untersten Regionen unserer Schränke und wurden sechs Wochen lang keines Blickes mehr gewürdigt.

Nun stand uns vollends die Welt offen, wir waren berauscht von dem Gefühl absoluter Ungebundenheit. Wenn das Wetter mitspielte, waren wir natürlich mehr draußen als drinnen, und bald waren wir ebenso braun wie die Zigeuner, die mit ihren Planwagen gelegentlich vorbeizogen oder am Rande des Städtchens kampierten, von uns Kindern aus respektvoller Entfernung ob der ihnen anhaftenden Exotik und der Schauergeschichten, die sich um sie rankten ("Sie klauen Huhne und kleine Kinder und braten Igel...") beobachtet.

Während der Ferienwochen konnte es durchaus vorkommen, daß tagelange Landregen unsere Freizeitgestaltung erheblich beeinträchtigten. Immerhin bot unser Haus, auf dessen Dachboden wir, wenn uns absolut nichts anderes mehr einfiel, sogar Radrennen veranstalteten, genügend Raum für alle möglichen Spiele. Dabei war meine größte Leidenschaft das Höhlenbauen. Irgendein dafür geeigneter Platz fand sich immer in der Weitläufigkeit von Haus oder Ställen und Schuppen; ein paar alte Decken und andere Requisiten waren schnell beschafft, ebenso die nötige Marschverpflegung aus Mutters Speisekammer. Meine Lieblingshöhle befand sich in luftiger Höhe auf dem Schuppendach im Hof, unter den weit überhängenden Zweigen des Holunderbusches. "Vater, Mutter und Kind" war das beliebteste Spiel, wobei Bruder Hans den Vater abgab, bis sich solche kindischen Spiele nicht länger mit seiner wachsenden männlichen Würde vertrugen. Hatte ich keinen Vater zur Hand, taten es notfalls auch Freundinnen aus der Nachbarschaft, doch konnte ich mich mit meinen Puppen auch ebenso gut allein verlustieren, denn ich war keineswegs nur ein "Draußenkind". Ich besaß eine wunderschöne, handgezimmerte Puppenküche und natürlich auch Wohn- und Schlafgemach für meine Kinder, die ich aus den unerschöpflichen Tiefen von Mutters Schubladen immer wieder neu einkleidete. Zwar lernte ich als Kind nie, einen "anständigen" Strumpf zu stricken, aber mit Nähnadel und Häkelnadel konnte ich umgehen, so daß meine zahlreichen großen und kleinen Puppenkinder über eine reichhaltige Garderobe verfügten. Hatte ich derlei Spiele satt - allerdings keineswegs nur dann! - verzog ich mich mit einem Buch in irgendeine Ecke - und dann war die Welt für mich gestorben. Ich pflegte alles Gedruckte, nicht in jedem Fall meiner kindlichen Unschuld angemessen, zu "verschlingen", wie Mutter sich ausdrückte. Was sie allerdings nicht ahnte, war, daß ich abends nach dem Gute-Nacht-Sagen mit Hilfe einer Taschenlampe die Abenteuerschmöker meiner Brüder "verschlang"... Ihre Helden, um die ich in nächtlicher Stunde unter meiner Bettdecke zitterte, sind mir noch heute unvergessen!

So gingen unsere Schulferien meist ohne besonders aufregende Ereignisse dahin, doch nachdem wir es zu Auto plus Willem gebracht hatten, war unser Aktionsradius erheblich größer geworden. So zogen wir denn öfter, Mutter mit uns drei Gören im Schlepptau, los, wobei ein Ausflug an die Küste schon geradezu extravagant war. Immerhin waren es bis Warnemünde etwas mehr als siebzig Kilometer! Dabei machten wir immer in Rostock bei Tante Frieda, einer Kusine von Mutter, Station und fühlten uns bei unseren Streifzügen durch die Stadt, unter der verantwortlichen Führung unseres großen Bruders, als echte Globetrotter. In Warnemünde schlugen wir unser Lager jenseits der Strandkörbe an einem einsamen Plätzchen in den Dünen auf (das gab es damals noch!), und noch heute schmecke ich den unvermeidlichen Seesand zwischen den mitgebrachten Butterbroten.

 

Beeren und Pilze

 

In die Zeit der Sommerferien fiel auch die Hauptbeeren- und Pilzzeit. Wir Kin­der kannten natürlich alle Stellen, wo man die größten und schönsten Himbeeren und Brombeeren finden konnte, und die ergiebigsten Pilzgründe. Ach, diese Pilze! Sie wuchsen bei uns in unglaublicher Vielfalt und in teilweise ungeheuren Menge Ein lukratives Geschäft für die Krakower brachten dabei die Pfifferlinge, die in den nahen Wäldern in aller Herrgottsfrühe zentnerweise gesammelt und bei "Mudding Ehrhard", unserer Schlachterfrau, abgeliefert wurden, die sie dann ihrerseits mit dem Frühzug nach Berlin beförderte. Es ging in Krakow das durchaus glaubhafte Gerücht, sie habe mit diesem schwunghaften Pilzhandel die Aussteuer ihrer drei Töchter finanziert. Diese und ähnliche "Pilzstories" erscheinen heutzutage wahrhaftig wie Märchen aus der guten alten Zeit - sie sind jedoch verbürgt.

Ich selbst entwickelte mich unter Mutters Anleitung schon beizeiten zum Kenner, und Mutter zauberte aus dem bunten Gemisch unserer Ausbeute die köstlichsten Gerichte. Ich erinnere mich noch besonders lebhaft an einen schon recht rauhen Oktobertag, als wir in einer Tannenschonung bei den "Buchen" innerhalb kürzeste Zeit mehr als dreizehn Pfund der allerschönsten Steinpilze fanden. - Tempi passati auch dies.

 

Bildungs – und andere Reisen

 

Nicht immer waren solche Ausflüge nur dem reinen Vergnügen gewidmet - gelegentlich stand auch Kultur auf dem Programm. Daß hieß in der Regel: Besuch irgendwelcher historischen Sehenswürdigkeiten, unter denen mir einige der großartigen gotischen Backsteindome meiner mecklenburgischen Heimat den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen haben.

Ausflüge an die See blieben aber nicht die Krönung unserer touristischen Extravaganzen: Eines Tages verkündete Vater - ich muß damals so etwa zehn gewesen sein -, daß wir in den Ferien eine Deutschlandreise machen würden! Und tatsächlich ging es dann endlich los in die große Welt! Unsere Reiseroute führte uns zunächst südwärts durch Thüringen - schließlich war ein Besuch der Wartburg absolut unerläßlich! - und dann gen Westen, wo wir zwischen Pfalz und Hunsrück Vaters Verwandtschaft be- oder genauer heimsuchten. Mit fünf Personen plus Chauffeur waren wir für Tanten und Onkel bestimmt eher eine Heimsuchung, und vermutlich sah man uns mit einiger Erleichterung weiterziehen. Manche Eindrücke sind mir von dieser Reise haften geblieben, nicht zuletzt, zur Gaudi von uns Kleineren, Friedels Romanze mit unserer hübschen, blonden Kusine Gerda.

"Romanze" dürfte dabei allerdings übertrieben sein, denn Gerda war mit ihren sechzehn Jahren, etwas älter als unser Bruder, bereits eine junge Dame, die sich aus so "grünem Gemüse" wohl kaum etwas machte. Aber ich höre Friedel heute noch, wie er nach unserer Heimkehr, Verzückung im Blick, voll Gefühl sang: "Grüßt mir mein blondes Kind vom Rhein ...." Es war herzbewegend.

Zur Erweiterung unseres kleinstädtischen Horizontes wurden auch noch andere Schritte unternommen, wobei mir den nachhaltigsten Eindruck meine erste Reise in die "große Welt", nach Hamburg, hinterließ. Auf dem Programm stand natürlich an erster Stelle "Hagenbecks Tierpark" und danach der Elbtunnel, in dem ich meine ersten klaustrophobischen Ängste erlebte. Einen nicht viel weniger tiefen Eindruck hinterließ mir, bis dato von einer alten Dorfschneiderin benäht, die Tatsache, daß ich in Hamburg mein erstes fertiggekauftes Kleidungsstück bekam: einen hocheleganten hellgrauen Kantel mit Pelerine. Danach war Mutter offenbar der Meinung, daß soviel großstädtische Eleganz sich nicht mit meiner Krakower Feld-, Wald- und Wiesenfrisur vertrüge. So schleppte sie mich also in den nächstbesten Friseursalon, wo meine wilde Mähne in eine städtisch-elegante Coiffure verwandelt werden sollte. Zu jener Zeit war der sogenannte "Herrenschnitt" der letzte Frisurenschrei, und mit einem solchen wurde ich schließlich auf die Menschheit losgelassen. Es war ein voller Erfolg: Großmutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als wir zurückkamen... Aber die Haare wuchsen wieder, Gott sei Dank, und später wurden meine Haarmassen nicht mehr ein Opfer der Schere, sondern in zwei braven Zöpfen gebändigt.

 

Beglückende Natur

 

Nach den Ferien war es mit der Freiheit erst einmal wieder vorbei. Was war der erste Schultag nach den Ferien doch für ein ekliger Tag, zumal wir auch nicht - wie manche unserer Mitschüler und Mitschülerinnen - mit großartigen Ferienabenteuern angeben konnten. Unsere Deutschlandfahrt war auf diesem Gebiet das einzige Erlebnis, das des Berichtens wert gewesen wäre. So blieben also fast immer die Ferien auf unsere engere Heimat beschränkt, doch kosteten wir sie bis zur Neige aus. Ich entwickelte schon in frühen Jahren eine wahre Leidenschaft für das "Buddeln", insbesondere nach Fossilien. Wie ich darauf kam, weiß ich nicht mehr, aber mein Interesse an Paläontologie (welcher Ausdruck mir natürlich zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannt war) und Archäologie war brennend und nachhaltig; ich träumte sogar davon, später einmal ein Studium in dieser Richtung zu ergreifen. Zunächst aber begnügte ich mich damit, alle möglichen Fundstellen in der näheren und weiteren Umgebung abzugrasen. Meine Ausbeute ging jedoch nie über ein paar ziemlich kümmerliche Donnerkeile und Muscheln hinaus; als Schatzgräber war ich also nicht besonders erfolgreich. Aber es hat doch unheimlich viel Spaß gemacht, zumal in den Jahren, als ich meinen kindlichen Spielen langsam entwuchs. In dieser Zeit entdeckte ich auch mehr und ich mehr die Beglückung, die an manchen Frühsommermorgen draußen erfuhr. Vor Sonnenaufgang zog ich oft mit den Hunden los, den Birkenweg am See entlang, vorbei am Buchenwald und immer weiter durch reifende Kornfelder bis zum "Schwerin", dort, wo der See sich verengt, bevor er in die weite Fläche des Obersees übergeht. Unendlich war das Glück dieser Stunden im völligen Einssein mit der Natur, deren Teil ich ebenso war wie die Blumen und Gräser, wie die Vögel, deren Hymne an den Tag mit jeder Minute voller und dramatischer wurde - bis zum überwältigenden Crescendo des Sonnenaufgangs. Dann erwachten auch die Bewohner des dichten Schilfwaldes: Bläßhühner, Haubentaucher, Enten, Schwäne, Möwen, und die Rohrdommel untermalte den vielstimmigen Chor mit ihrem dumpfen Trommeln. In diesen Stunden offenbarte sich mir die Heimat in ihrer ganzen, unberührten Schönheit in tiefster und reinster Beglückung.

 

Unvergessene Freundinnen

 

Mit dem Ende des Sommers kam dann für uns Kinder eine etwas triste Zeit, von dem Höhepunkt des bereits geschilderten Herbstmarktes abgesehen, in der wir viel mehr, als uns lieb war, auf häusliche Vergnügungen angewiesen waren. Kinder des Fernsehzeitalters (zu denen wir Gott sei Dank noch nicht gehörten) hätten sich mit Sicherheit zu Tode gelangweilt. Als wir unser erstes Radio bekamen, war ich immerhin schon zehn Jahre alt, und allzu viel an Unterhaltung wurde uns Kindern auch mit diesem neuen Medium, dessen Faszination sich für mich durchaus in Grenzen hielt, nicht geboten. Doch auch die kürzer werdenden Herbst- und Frühwintertage waren absolut nicht ohne Reiz. Ich selbst verbrachte die Dämmerstunde, bei uns hieß sie "Schummerstunde", mit Vorliebe unten bei Großmutter. Wir "klönten" ein bißchen über dies und das, und da sie bis ins hohe Alter geistig ungemein rege und am Tagesgeschehen in der großen und unserer kleinen Welt immer interessiert blieb, wurde es mir bei ihr auch selten langweilig.

Im Oktober gab es dann noch einmal Ferien, die "Kartoffelferien", in denen die "echten" Landkinder beim Einbringen der Kartoffelernte helfen mußten. Mit dem Begriff "Herbst" verbindet sich noch heute für mich der strenge Geruch des verbrannten Kartoffelkrauts ebenso wie der herbe, würzige Duft welker Kastanienblätter, mit denen der Kirchplatz dicht bedeckt war.

In meinen Erinnerungen dürfen natürlich auch die Spielgefährten meiner Kindheit nicht fehlen. An "standesgemäßem" Umgang, über den die Eltern wenigstens bei ihrer Tochter streng zu wachen versuchten (bei den Jungen war das ohnehin völlig hoffnungslos), war natürlich die Auswahl nicht allzu groß, zumal meine Güstrower Klassenkameradinnen hier nur eine unbedeutende Rolle spielen konnten. So mußte ich also auf "Eingeborene" zurückgreifen, und "standesgemäß" waren da eigentlich nur die Doktorjungen nebenan, etwa im gleichen Alter wie ich, und Lotte, die Tochter des örtlichen Tierarztes, die als beste Freundin oder intimste Feindin - je nach Laune - ein fester Bestandteil meiner Kindheit war. Sie war ebenso alt wie ich, aber ein ausgesprochen frühreifes Früchtchen und mit elf Jahren in ihrem Äußeren bereits ein Backfisch; der "Teenager" war zu jener Zeit noch nicht erfunden. Ursache oder Wirkung - jedenfalls war sie schon zu diesem Zeitpunkt heftigst am anderen Geschlecht interessiert, so daß sie für mich des öfteren keine Verwendung hatte. Ich war also gezwungen, meinen Umgang in nicht ganz so standesgemäßen Kreisen zu suchen, was mir persönlich auch nicht das geringste ausmachte. Meine liebste Freundin in den Jahren des Heranwachsens - außerdem Hans' erste "große Liebe" - war Ilse, Vater Schlachter und Viehhändler und beim besten Willen nicht als eine gediegene Persönlichkeit zu bezeichnen. Aber Ilse war ein echter Kumpel, auch wenn sie gelegentlich einigermaßen überspannte Einfälle hatte. Außerdem hatte sie gesellschaftlichen Ehrgeiz - und unglaublicherweise auch schließlich Erfolg damit. Es gelang ihr, einen, wenn auch nicht mehr so ganz taufrischen, veritablen Reichsgrafen aus uraltem Adel und mit erlauchtester Verwandtschaft einzufangen. Mich allerdings kannte die Frau Gräfin später dann nicht mehr....

Zu der buntscheckigen Schar meiner kindlichen Spielgefährten gehörte zeitweilig auch ein echtes Zirkuskind, meine inniggeliebte Freundin Jutta. Zu unserem Kummer ließ uns ihre Zirkusarbeit - sie balancierte schon ungeheuer gekonnt auf dem Drahtseil - niemals genug Zeit füreinander. Es brach uns beiden jedesmal das Herz, wenn die Zirkuswagen weiterzogen.

Meine übrigen Feld-, Wald- und Wiesenfreundschaften in diesen Jahren sind nicht weiter erwähnenswert; es war meist die ganze Horde der Nachbarskinder, Mädchen und Jungen bunt gemischt, mit denen wir die Gegend unsicher machten, wenn uns der Sinn nicht nach häuslichen, gesitteten Spielen stand.

 

Eine Legende: Der Krakower Druppen

 

Wenn in meinem Bericht in bezug auf Krakow gelegentlich das Adjektiv "ländlich" auftaucht, so ist das, korrekt betrachtet, tiefgestapelt. Tatsächlich besaß es bereits seit dem frühen Mittelalter Stadtrechte und war zeitweise ein bedeutender Handelsknotenpunkt. Damit hängt es vermutlich auch zusammen, daß Krakow in der Vergangenheit eine große jüdische Gemeinde besaß, mit eigener Synagoge und einem eigenen Friedhof, der, nachdem die Gemeinde auf ein paar alte Leute zusammengeschrumpft war, mehr und mehr verwilderte und uns Kindern immer ein bißchen unheimlich war. Die wenigen verbliebenen Juden waren ein paar kauzige Alte, und die drei oder vier Textil- und Schuhgeschäfte des Städtchens hatten jüdische Inhaber. Die Synagoge wurde, da nicht mehr gebraucht, zur städtischen Turnhalle umfunktioniert. So hatten wir also eine solche mit religiösen Deckenmalereien, deren blauer, gestirnter Himmel mir noch in Erinnerung geblieben ist.

War Krakow auch schließlich zur Bedeutungslosigkeit eines bescheidenen Landstädtchens herabgesunken, produzierte es doch dessenungeachtet innerhalb seiner (nicht mehr vorhandenen) Mauern eine solche Fülle von einmaligen Typen, echten "Originalen", daß es mir schwer fiele, sie vollständig zu nennen. In diese Runde fügte sich unser Vater, trotz seiner hessischen und damit für die Krakower einigermaßen exotischen Vergangenheit, nahtlos ein. Er duzte seine - meist ländliche - Kundschaft fast ausnahmslos und war höchst verblüfft, als einer der so Angesprochenen ihn zurückduzte.

Er war gern barsch, polterig, ein Choleriker - aber mit dem weichsten Herzen, das man sich nur denken konnte; leicht zu rühren, bekam er bei passenden und unpassenden Gelegenheiten feuchte Augen. Sein unvergessener Heros war der alte Bismarck, den er als Student noch selbst erlebt hatte, und stolz bewahrte er die Insignien seiner Studentenverbindung.

Mit Vorliebe zog er sich in sein Labor zurück, von uns respektlos "Alchimistenküche" genannt, wo er zwischen Tiegeln und Retorten aus Kräutern, Essenzen und wer weiß welchen geheimnisvollen Ingredienzen eigene Heilmittel bastelte. Und so mancher Kunde kam, bevor er einen Arzt aufsuchte, erst einmal zu "uns Afteiker", dessen Salben, Pülverchen und Säfte denn oft auch wirksamer waren als all die industriell hergestellten Präparate, die Vater im Grunde von ganzem Herzen verachtete. Er war der Ansicht, daß die fertigen Medikamente den studierten Apotheker zum bloßen Verkäufer degradierten, da sie an sein Wissen und seine Erfahrung kaum noch Anforderungen stellten.

Eine gewisse lokale Berühmtheit erlangte er jedoch mit einem hochprozentigen Gebräu aus mindestens einem Dutzend verschiedener Kräuterextrakte (und nur sehr sparsam verdünntem reinen Alkohol...), das er "Krakower Druppen" taufte und mit eigens dafür gedruckten Etiketten versehen auf Flaschen zog. Natürlich nur für den Hausgebrauch und für besonders gute Freunde. Dieser Kräuterschnaps muß wohl wirklich etwas für Kenner gewesen sein und soll tatsächlich hervorragend bei allen Beschwerden der Innereien - echten wie eingebildeten - gewirkt haben Leider kann ich aus eigener Erfahrung darüber kein Urteil abgeben.

Original Krakower Druppen 

 

Önne, Euschen und Magdalenchen

 

Vaters Intimfreund war Onkel Sostmann, Friedels Patenonkel, von uns kurz „Önne“ genannt. Er war der einzige Rechtsanwalt unseres Städtchens und lenkte als Bürgermeister seit vielen Jahren seine Geschicke, bis er in den dreißiger Jahren, als Nicht-Nazi und Freimaurer, in Pension geschickt wurde.

Wenn er sich nach Absolvierung seiner täglichen Amtsgeschäfte nicht mit Vater traf zum Dämmerschoppen im "Nordischen Hof" gegenüber (beide waren Liebhaber eines guten Tropfens und Vater zudem schon von Hause aus Kenner), vertauschte er in jahrelanger, lieb gewordener Übung seinen Bürgermeistersessel mit dem eigens für ihn reservierten Armstuhl in Vaters Kontor. Ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er nach des Tages Arbeit gemessen und würdevoll die Stufen des Rathauses herunterschritt, um dann in der Apothekentür nebenan zu verschwinden. Und noch jetzt kann ich seine Standardbegrüßung hören: "Weißt Du, Karl, ich fühle mich heute gar nicht so recht…“, was dann das Stichwort für Vater war, die Flasche mit den "Krakower Druppen" zu zücken. Böse Zungen behaupteten, die Sitzungen in der Apotheke seien bedeutend erfolgreicher gewesen als diejenigen im Rathaus. Nicht zu leugnen war jedenfalls, daß das Ergebnis der ersteren gelegentlich augenfälliger war...

Neben unserem Önne gab es noch weitere öffentliche Persönlichkeiten, über die man manche Glosse schreiben könnte, wenn auch etwas weiter unten auf der sozialen Stufenleiter. Doch einer muß hier auf jeden Fall erscheinen: "Euschen", der Ratsdiener. Eigentlich hörte er auf den schönen Namen Eugen und hatte vermutlich auch einen Nachnamen, doch war und blieb er für uns "Euschen", Betonung auf dem "Eu". Euschen war die wandelnde Stadtzeitung, zu seinen Aufgaben gehörte es, alle amtlichen Bekanntmachungen über Steuern, Viehzählungen, Maul- und Klauenseuche - oder was auch immer von allgemeinem Interesse für die Bürger sein mochte, "auszuklingeln", das heißt, er bimmelte erst einmal mit seiner Glocke so lange, bis er der gespannten Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sicher sein konnte. War Euschen nicht mit Ausklingeln beschäftigt, war er betrunken. Gelegentlich beides zugleich, was seinem Vortrag eine unnachahmliche Würze verlieh, zur johlenden Begeisterung der hinter ihm herziehenden Kinderschar.

In der Reihe der unvergessenen Krakower Originale gebührt ihr ein Ehrenplatz, der "ehr- und tugendsamen Jungfer" Magdalene, unserer Schneiderin, von uns intern nur "Magdalenchen" genannt. Als Prototyp einer alten Jungfer mit all ihren Skurrilitäten legte sie größten Wert auf die respektvolle Betonung ihres jungfräulichen Standes! Geradezu rührend war die Beharrlichkeit, mit der sie würdevoll alle nach dem Ersten Weltkrieg eingetretenen sozialen Veränderungen ignorierte. So war und blieb Mutter für sie stets die "Frau Apotheker", und ich selbst avancierte bereits mit zwölf oder dreizehn Jahren zu "Fräulein Suppes". Wobei ich auf der Stelle um mindestens zehn Zentimeter wuchs…

Mit ihrem ebenso beharrlichen wie erfolglosen Bemühen, sich in ihrer Ausdrucksweise ihrer (mehr oder weniger) "gebildeten" Kundschaft anzupassen, gab sie uns mit einigen Blüten ihres Sprachschatzes immer wieder Anlaß zu Heiterkeit, so zum Beispiel, wenn sie irgendetwas zunächst erst einmal "professorisch" machen oder ein Kleidungsstück anfertigen wollte, das "leger, und doch leicht" zu sein hatte... Aber sie war eine so gute Seele, unser Magdalenchen, eine Meisterin ihrer Zunft und unschlagbar in der Kunst, aus ein paar ausrangierten Sachen oder kümmerlichen Stoffresten ein durchaus passables Kleidungsstück zu zaubern. Insbesondere während der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre war dieses Talent unbezahlbar.

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Berichte und Histörchen über besonders markante Krakower Persönlichkeiten ließen sich endlos weiterspinnen, doch fehlt mir in manchen Fällen die Kenntnis aus eigenem Erleben. Allerdings landeten sämtliche Klatschgeschichten, harmlos oder mit den pikantesten Details, mit unfehlbarer Sicherheit bei unserer Annemie, die innerhalb kürzester Zeit zur "Beichtmutter" von ganz Krakow wurde. Da ich zu jener Zeit noch nicht reif genug war, um offiziell in ihre köstlichen Berichte mit einbezogen zu werden und auch mittels Ohrenspitzen nicht allzu viel davon profitieren konnte, muß leider so manche erzählenswerte Geschichte aus dem Leben unseres Städtchens der Nachwelt vorenthalten bleiben.

 

Abschied und Ausklang

 

Den Eltern, 1944 und 1946 gestorben, konnte ich in den schlimmen Jahren zwischen Kriegsende und Flucht keinen Grabstein mehr setzen lassen - die Brüder liegen irgendwo in Rußland verscharrt und haben wohl nie ein Grab gefunden. So mögen diese Aufzeichnungen ein bescheidenes Denkmal sein für die, deren sorgende Liebe meine Kindheit und Jugend begleitet hat.

Geliebt und behütet wuchs ich in der Geborgenheit von Familie und Heimat auf und war eigentlich recht wenig vorbereitet auf das, was mir im weiteren Verlauf meines Lebens zugeteilt war. Doch war es letztlich gerade die Geborgenheit meiner heilen Kinderwelt, die mich mit der Kraft ausrüstete, zu bestehen. Ob dies auch ein Bestehen vor Gott war, vermag ich nicht zu entscheiden, denn dahin ist es für all unsere Unzulänglichkeit ein weiter Weg. Aber ich glaube, ich habe die Richtung dahin gefunden, wenn ich meinem Leben dieses Wort voranstelle: Habe dein Schicksal lieb - es ist der Gang Gottes mit deiner Seele.

 

Elisabeth Suppes, verw. Ohlsen

1921 – 1987

Tochter des Apothekers Karl Suppes und seiner Ehefrau Käthe, geb. Tietze.

1950, als junge Kriegerwitwe, Flucht in den Westen. Ihr folgten die beiden 7 und 5 Jahre alten Töchter. Stationen in Freiburg im Breisgau, Bad Godesberg, Isle of Wight (GB), wieder Freiburg. Ihre letzten Tage verbrachte sie in Stade, in der Nähe ihrer ältesten Tochter. Hier verstarb sie im November 1987.

Ihre Heimat, um die sie ein Leben lang trauerte, hat sie nicht wieder gesehen.

 

 

 

 

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