Friede den Hütten

 

Herbert schaut durchs Fenster auf die gegenüberliegende Straßenseite, zu Lidl, und denkt an Möhren, Kartoffeln und Kohl. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss und er huscht an den schrittfahrenden Autos vorbei. Da ist das Ei, so nennt er den Wohnwagen, den ein Unbekannter hier abgestellt hat und vor dem er nun steht. Er liest auf dem am hinteren Ei-Fenster angebrachten Pappschild: 10 Euro pro Tag; eine Woche: Verhandlungsbasis. Darunter die Telefonnummer, die Herbert umgehend anruft. Die Stimme am anderen Ende der Leitung versichert ihm, alles sei ernst gemeint und kein Joke. Warum auch nicht, denkt Herbert, geht diesmal nicht in den Supermarkt und macht auf dem Absatz kehrt.

 

Irgendwo hat er noch Karteikarten, die er jetzt gut gebrauchen kann. Auf ein noch unbeschriftetes Blatt Papier im DIN A3-Format schreibt er: 1 x Waschraum benutzen: 2 Euro, 1 x Betreten der Terrasse: 1 Euro, 1 x Übernachtung im Hochbett pro Person, Frühstück incl. 12 Euro, Waschen und Toilette gratis dazu. Er platziert das Schild in das Wohnzimmerfenster, das zur Straßen hin liegt. Was hat er noch zu vermieten? Die Bücher in seinem Bücherregal – für nur einen Euro oder vielleicht kiloweise? Die Kleidung, die er jeden Tag trägt, versieht er ebenfalls mit Preisschildern. Die Lederjacke für nur 15 Euro, die Schuhe, nagelneu für 10 Euro und selbst das Hemd ist für 2 Euro zu haben. So ausgezeichnet macht er sich auf seinen täglichen Weg in die Stadt.

 

In der Straßenbahn sieht er einen älteren Mann. Ein Preisschild mit der Aufschrift „5 Euro“ klebt an seinem Hut. Ein Jugendlicher klappert mit einer Geldbüchse: eine kleine Spende für meine Abifeier! Der 5-Euro-Hut neben ihm will wissen, ob der Abiturient überhaupt einen Spendensammelausweis habe, denn nicht jeder x-Beliebige könne in Deutschland Geld sammeln.

 

Die Fenster der Straßenbahn sind mit Zetteln verklebt. Herbert sieht auf seine „15“ und denkt, dass man in diesen Zeiten nur noch als Papierverkäufer Geld verdienen könne. Fast wäre er gegen ein 4.500 Euro-VB- Auto gerannt, als er die Straßenbahn verlässt.

 

Auf dem Bürgersteig bietet ein arbeitsloser Mann seine Dienste als Vorleser und Schreiber für 50 Cent pro Seite an. Eine Frau fragt ihn, ob er nicht für 7 Euro 50 pro Stunde durch die Stadt geführt werden wolle? Ein fliegender Händler mit Zigaretten und Schnaps im Bauchladen kreuzt seinen Weg. Ein paar Schritte weiter sitzt ein Maler, der für 20 Euro Porträts anfertigt. Musik ist heute auch im Angebot: eine regungslose menschliche Musikmaschine, die gegen einen kleinen Obulus von 1 Euro angeworfen werden kann, hat sich kurz vor einer großen Straßenkreuzung aufgestellt.

 

An der Ampel stehen Kinder mit Eimern. Sobald ein Auto anhält, stürzen sie sich nach vorn und putzen die Windschutzscheibe für einen Euro Minimum. Daneben wartet der fliegende Zeitungsverkäufer, der den Autofahrern mehrere Tageszeitungen mit gleichlautenden Schlagzeilen anbietet. Auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung hat sich ein Getränkeverkäufer postiert. Hart umkämpftes Terrain, denkt Herbert und wartet auf Grün, um endlich zur S-Bahn-Station zu kommen. Auf dem Bahnsteig wird er von einem Würstchenverkäufer empfangen, der die Wartenden mit Bockwurst und Bratwurst versorgt. Diesmal für nur 80 Cent. Sehr preiswert, denkt Herbert, aber er hat jetzt keinen Hunger.

 

Sein Handy hat sich noch nicht gemeldet. Er denkt an den mit dem Ei. Ob der schon einen 10-Euro-Schläfer gefunden hat? Da ist sein Angebot mit dem Hochbett und dem Frühstück für 12 Euro doch wesentlich besser. Also, warum rufen die Touristen nicht massenweise an?

 

Ein Baby lacht ihn aus einem Kinderwagen an. Seine Mütze ziert ein 2-Euro-Preisschild. Die Jacke ist für 4 Euro und der Kinderwagen für 100 Euro zu haben. Die S-Bahn fährt ein, Herbert rechnet mit ein paar Millionen, aber er ist enttäuscht, als er kein Preisschild erkennen kann.

 

© goo, Juni 2009

 

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