Friede den Hütten

Das Konzept oder: Im Auge des Orkans*
I.

Ein Mann, genau gesagt, ein Protagonist, macht sich die Schreibblockade seines Autors zunutze, um sich persönlich um den Fortgang seiner Geschichte zu kümmern. Wenngleich zunächst noch in der engen Schreibstube zwischen Entwurfsskizzen gefangen, bahnt er sich kurz entschlossen einen Weg durch diverse Papiergetüme, nimmt dann selbst Platz auf dem Holzstuhl, der, ein wenig sorglos und, leicht auf den Vorderbeinen gekantet, an jenen Computertisch gelehnt steht, an dem sein Autor ihn, den Protagonisten, vor geraumer Zeit erdacht hat.

Zum ersten Mal, seit er dem Papierstapel entflohen ist, sieht der Protagonist (den ich von nun an der Übersicht halber „P“. nennen werde) zum Fenster hinaus. Das also ist die Welt, denkt er – könnte er denn denken. Eine Straßenbahn fährt jenseits der Doppelglasscheibe vorbei. Mehrere Minuten verstreichen, während derer P. das bisher nie gekannte Geschehen in jener anderen Welt beobachtet. Er nimmt Erstaunliches zur Kenntnis und wünschte sich sogleich, dass sein Autor (ihn werde ich fortan „A“ nennen), nicht zugegen ist, denn vor P.s Augen entsteht gerade eine noch nie zuvor beschriebene Geschichte:

Trapez


Das Bild, das P. nun wahrnimmt, entspräche einem gleichschenkligen Trapez – kennte er sich denn mit geometrischen Figuren aus. Da er mit dieser Disziplin aller Voraussicht nach in der Zeitspanne seiner Existenz nie in Berührung kommen wird, tut diese vorwitzige Anmerkung der allwissenden Erzählerin (a. E.) momentan nichts zur Sache.

Zurück zu P. Mitten auf der Straße, genau, im sichtbaren oberen Drittel der imaginierten Trapezformation (von der ja nur die a. E. Kenntnis haben kann) geht ein Mann spazieren. Zur rechten wie zur linken Seite fließt der Verkehr an ihm vorbei. Der Mann (fortan: „M“) – setzt einen Fuß vor den anderen. Unbekannt bleibt, ob er dies bereits seit zweihundert Metern macht und/oder noch zweihundert Meter Strecke Wegs vor sich hat. Eine Reihe Autos, Mopeds und Busse zur Rechten, also an der aufsteigenden Seite„b“ des trapezförmigen Bildausschnitts; Fahrräder, Mopeds und Autos zur Linken, also auf der absteigenden Linie „d“.

Auch dies kann P. aus eigener Erfahrung nicht wissen, hatte A. ihn bisher (aus nur jenem verständlichen Beweggründen) lediglich in der Entwürfe-Schublade eingesperrt gehalten.

Sieht M. die Straßenbahnschienen? Egal, er nimmt seinen Weg exakt in der Mitte, zwischen zwei Gleiskörpern („G1“ und „G2“), also von „a“ nach „c“. Ab und zu kreuzt ein Fußgänger seinen Weg (von „d“ nach “b“ bzw. in die entgegengesetzte Richtung), und in 3- bzw. 8-minütigem Abstand fährt je eine Straßenbahn an ihm vorbei.

II.

Bislang existiert P. nur im Entwurf, das vergisst er manchmal. Mehr hat ihm A. bislang nicht zugestanden. Dennoch maßt P. sich nun eigenmächtig und mit Nachdruck den Rollentausch an. Nachdem er einen Nachmittag lang dem lebhaften Treiben auf der anderen Seite der Scheibe zugesehen hat, ist er, und damit überspringt er die Entwurfsskizze, die A. für gewöhnlich anfertigt, besessen von der Idee, auf diesem Weg von einem noch unbekannten Punkt „x“, unbeschadet an Leib und virtueller Existenz, einen fiktiven Punkt „y“ zu erreichen. Er denkt sich kurzerhand auf die andere Seite der Scheibe, ist nicht einmal erstaunt darüber, wie viel leichter ihm dies gelingt als dem A., hätte der es denn gewollt. Ein paar im Wege liegende, überlange Hypotaxen überspringt er leichtfüßig, die blauen, zuweilen auch roten Unterschlängelungen des WORD-Programms ignoriert er ebenso wie das quietschende Aufheulen eines grauen Kleinwagens, dem er sich unwissend in die Bahn geworfen hat, um den Mittelstreifen der Straße zu erreichen.

 

Orkan

 


Dort letztendlich unversehrt angekommen, stellt P. Berechnungen an. Misst sowohl die Straßenbahnschienen als auch den Abstand zwischen den Gleiskörpern. Ohne je von Stochastik (vulgo: Wahrscheinlichkeitsrechnung) gehört zu haben, stellt er jetzt entsprechende Überlegungen an. Gesetzt den Fall, er könnte sich im von M. ausgemessenen Abstand zwischen den Gleiskörpern quer stellen, hören würde er die aneinander im nun bekannten zeitlichen Rhythmus vorbeifahrenden Bahnen in jedem Fall. Gesetzt den Fall, sie führen nach Plan.

III.

Zum ersten Mal, seit er sich seiner Existenz bewusst ist, macht P. die Probe auf ein Exempel und verharrt exakt auf der die Mittelpunkte der Linien „d“ und „b“ verbindenden Geraden, in Erwartung des Ereignisses zweier zeitgleich aneinander vorbeifahrender und sich dabei nicht touchierender Straßenbahnen.

IV.

Als er auch am Abend nicht zurückgekehrt ist, beginnt der Autor, einer, wie er meint, spontanen Eingebung folgend, mit dem Verfassen einer soeben erdachten, nie zuvor geschriebenen, unglaublichen Geschichte.

©bio.04.20 
 
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