Von mir aus – ein Versuch

 

Schreiben

einfach drauflos SCHREIBEN.

ohne system, der stil reguliert sich im laufe des SCHREIBENs von selbst.

freies assoziieren erlaubt, überwinden der hemmschwelle gefordert. zögernde, dann sich beschleunigende entwicklung SCHREIBflucht SCHREIBlust SCHREIBzwang.

ein tippfehler macht aus SCHREIBlust SCHREI-lust.

widerstreben, dem alten freud einmal recht geben zu müssen.

SCHREIBEN als fluchtmechanismus.

SCHREIBEN als sichzurschaustellen?

hier setzt die angst ein des sichprostuierens, des michprostuierens.

so nehme ich platz auf der eigenen couch, analysiere, seziere gedanken, versuche, eine persönlichkeit zusammenzupuzzlen aus fragmenten. arbeite unter umständen den eigenen wahnsinn zur präsentation auf.

SCHREIBE.

 

 

die frage nach dem warum hat sich mir nie gestellt.

es hat sich ergeben, eines tages, dies bedürfnis, gedanken, gefühle, sehnsüchte in zeichen zu fassen, die den moment überdauern.

das kind, das – aus welchen gründen auch immer –

nebenher läuft, dem keiner richtig zuhört, auf das niemand mit ehrlicher zuwendung eingeht, entdeckt die möglichkeit der kommunikation mit dem spiegelbild. es ist neu-gierig, es verfügt über eine reichlich ausgestattete fantasie, es flüchtet sich in eine traumwelt.

neu-gierige, fantasiebegabte kinder laufen in den seltensten fällen problemlos nebenher. sie sind aufsässig, sie lügen – die vokabeln der erwachsenen verwandeln kreative eigenschaften in strafbare vergehen, die geahndet werden.

das kind gerät zunehmend an den rand der gemeinschaft eines kuriosen familienverbandes. schließlich reicht man es weiter. andere werden beauftragt, die weitere er-ziehung zu übernehmen, orte wechseln, bezugspersonen lösen sich ab, aus kinderheimen werden internate.

hat jemand die theorie aufgestellt, erst aus leid erwüchse kreativität? hat das kind noch mit neun jahren gereimte blumenmärchen ins schulheft geschrieben, so verfasst es mit elf die ersten kleinen gedichte, die sich mit der vergänglichkeit des glücks auseinandersetzen.

 

grundbedingung für frühes wie heutiges schreiben war also in erster linie eine schwierige lebenssituation, die wiederum im fantasievollen aus-druck eine art bewältigungsmechanismus fand. kombiniert mit einer gewissen exzentrik, dem erbe der künstlerisch veranlagten großmutter, hätte das resultat durchaus so ausfallen können, wie ich es mir noch als junges mädchen erträumte: ich könnte es mir leisten, hauptberuflich zu schreiben.

ich kann es noch immer nicht.

noch verunsichern mich normen.

 

SCHREIBEN

einfach drauflos SCHREIBEN.

manchmal, beispielsweise im zug auf der reise zu einem anderen ort, entstehen unwillkürliche gedankenketten: der druck der entstehenden worte im kopf, das nervöse kribbeln in den fingern der rechten hand, vor lauter hektik kann ich meine tasche nicht schnell genug aufbekommen, um den stift herauszufischen.

dann muss ich einfach schreiben.

wortfetzen, gedankenfetzen reihen sich – vorerst ungeordnet – aneinander. ideen, die nicht verloren gehen dürfen.

ein gespräch irgendwo, ein überraschender impuls, eine zunächst harmlos erscheinende zeitungsnotiz.

sammeln, horten, stapeln.

irgendwann finde ich dann eines dieser zumeist losen zettelchen wieder, manchmal kommt ein neuer gedanke hinzu, ganz selten wird spontan ein text daraus.

es kommt vor, dass ich nur eine zeitungsüberschrift lese, eine bemerkung aufschnappe – und es ‚rattert weiter’ im kopf. zwei oder drei meiner politischen gedichte sind auf diese weise entstanden. ein rhythmus prägt sich ein im gehör, hinzu kommt eine gedankliche oder visuelle assoziation – spätestens in der folgenden nacht ‚steht’ der text. diese gedichte behalten meist ihre form. keines davon habe ich – im gegensatz zu den meisten anderen gedichten oder erzählungen, die ich später schrieb – geändert.

Schreiben als zufallsprodukt.

 

leid. neu-gier. fantasie.

die lust am fabulieren, am experimentieren. sprache als spielfeld. vulgärsprache als tabuisiertes neuland. freude an verbotenem dialekt. lustvolles verzerren klassenspezifischer hochsprache. heimliches vortasten in fremdsprachen.

vulgärsprache, dialekt, fremdsprache als vertraute ich-ausdrucksform.

die distanz wird größer. gräben erweisen sich als unüberbrückbar.

kuckuckskind und hässliches entlein. ein oskar verweigert das körperliche wachstum.

das junge mädchen reagiert mit krankheit.

tastversuche in absurditäten.

schreien statt Schreiben.

hohe mauern, tiefe gräben.

der absturz erfolgt nicht. noch nicht.

 

ein dunkler enger keller wird vorübergehend geräumig und hell, ein alter liegestuhl wird zur staffelei, der halbblinde spiegel zum modell.

modellieren des vormals beschriebenen in ton.

ausformulieren der gestalteten ängste in buchstaben dann. worte zeilen hefte bücher.

tagebuchSCHREIBEN.

der keller wird wieder dunkel und eng.

entfernt sich.

menschen entfernen sich. das umfeld verändert sich.

austauschbares wird ausgetauscht.

das SCHREIBEN wird konzentrierter. nimmt brückenfunktion an, zeitweise surrogat für außenweltkontakte.

 

das ist das gute am SCHREIBEN:

man benötigt weder farbe noch raum noch instrument.

der ärmste die ärmste trägt seine ihre werkstatt stets am leib.

er sie kommt mit den geringsten mitteln aus.

 

es bereitet mir schwierigkeiten, mich und mein selbstverständnis als SCHREIBENde frau, SCHREIBfrau, darzustellen. die zusammenhänge, in denen ich leben und arbeite, zu schildern. schwierig und auch schmerzhaft zuweilen das nachzeichnen meines werdegangs als SCHREIBENder mensch – eng verknüpft mit der motivation. es kommt mir vor wie eine rechtfertigung für mein dasein. denn SCHREIBEN ist bei mir eng verknüpft mit meinem da-sein.

 

als vorteil habe ich dies eben be-zeichnet: wir benötigen weder farben noch große flächen oder räume noch instrumente.

wir SCHREIBENden sprechen von den fünf sinnen lediglich den visuellen sinn an, wenn wir gedruckt werden, den hörsinn, wenn wir öffentlich lesen. es wird deutlich, dass wir mit unseren ausdrucksmitteln auf einem entfernten asteroiden angesiedelt sind, sofern wir nicht die zweifelhafte gabe besitzen, uns extrem exhibitionistisch zu gebärden.

gemäßigt exhibitionistisches verhalten ist jedoch gefordert, sofern wir nicht für die eigene schublade SCHREIBEN wollen, uns mitteilen wollen.

 

warum verstecke ich mich hinter dem ‚wir’.

ich kann doch nur für mich selbst sprechen.

für mich SCHREIBEN in diesem fall.

es ist nicht so, dass diese empfindlichkeit, diese verletzlichkeit die norm ist. davon sollte ich ausgehen.

unbestreitbar für uns alle jedoch von gültigkeit:

die lust am gedruckten eigenen wort, die kurze euphorie.

von eitelkeit kann sich keine keiner von uns frei machen. die freude darüber, dass ein gedanke, eine formulierung, die aus dem eigenen kopf, aus dem eigenen ich entstanden ist, angekommen oder angenommen ist – je nach dem. da ist dann ein konkretes feedback – die zustimmung, stellungnahme. ein kurzes bestärken des selbstwertgefühls, eine vorübergehende steigerung der motivation zum weiterSCHREIBEN unter Umständen.

glücksmoment sogar, wenn da eine einer kommt und mit der autorin dem autor über den text diskutiert, balsam für die seele, wenn von einem bestimmten text kopien angefordert werden.

absoluter höhepunkt, wenn jemand um nachdruckrecht bittet.

solche ereignisse jedoch sind selten genug.

 

SCHREIBEN.

die ersten jahre ur-sprünglich, aus mir selbst heraus, ohne vorbilder. katrinchen mit dem blonden haar, mein erstes buch – ich besitze es heute noch – vermittelte lediglich die idealvorstellung von einem frauenleben als hausfrau mutter ärztin lehrerin krankenschwester undsoweiter. astrid lindgrens unkonventionelleres mädchenbild spricht ansatzweise an, regt noch nicht zur nachahmung an. tiefe eindrücke erst gegen ende der schulzeit durch die kurzgeschichten wolfgang borcherts. lyrik von ingeborg bachmann. die gedichtsammlung zur konfirmation als hauptlektüre über jahre hinweg.

konsequent erscheint die lehre im buchhandel. es folgt die notwendige desillusionierung. buch als ware. schiller und goethe nach zentimetern fürs regal der arrivierten. fanny hill in lila seideneinband unterm ladentisch denn die buchhandlung ist katholisch.

buch als handelsobjekt prestigeobjekt beleg einer doppelten bürgerlichen moral.

hinwendung zu kinderbuchautoren dann.

später spielerisches verfassen eines bilderbuchs gemeinsam mit den dreijährigen kind.

SCHREIBEN mit den eigenen kindern.

Schreiben über die kinder.

dann, mitte der siebziger jahre, die neue frauenliteratur.

zufallsbegegnung mit karin struck: klassenliebe.

identifikation, die so weit führt, dass ich zu schreiben beginne wie karin struck.

dass ich eine zeitlang mein leben gestalte und beobachte, wie, um es anschließend be-SCHREIBEN zu können nach er-lesenem vorbild.

 

SCHREIBEN als mimikry.

neues leid drängt die kraft zum schreiben beiseite.

erst als gegenkraft zum drohenden zerbrechen ein erneutes wieder-beleben.

SCHREIBEN als therapie.

SCHREIBEN über therapie.

zum ersten mal erfahre ich durch mein SCHREIBEN eine

persönliche fortentwicklung, eine nachhaltige bewältigung schwieriger problematik.

SCHREIBEN als befreiung.

von da an SCHREIBEN wie atmen wie essen wie trinken.

ab und zu weniger essen, weniger trinken.

die alleinerziehende mutter sorgt für ihre kinder, sichert mühsam die materielle existenz. die kraft zum mitSCHREIBEN lässt nach.

 

ende 79 dann die gruppe: eine schreibwerkstatt bildet sich, nach einigem zögern beteilige ich mich.

bringe texte ein: beziehungstexte, dann erste politische gedichte. zaghaftes herantasten erst, mutiges aufbegehren später, als die erste öffentliche bestätigung bereits erfolgt ist.

 

SCHREIBEN als bloße therapie ist inzwischen für mich nicht mehr vorstellbar – mit steigendem selbstbewusstsein politischem verständnis die erkenntnis, dass die der SCHREIBENde nicht mehr neutral bleiben darf in einer umwelt, die im argen liegt wie die unsere: er sie hat eindeutig stellung zu beziehen, sie er hat eine botschaft zu vermitteln, nicht ausgleichend zu vermitteln.

SCHREIBEN also als mitteilung, der autorin des autors, als parteinahme zu gesellschaftlichen fragen.

SCHREIBEN als herausforderung.

SCHREIBEN als provokation.

 

durch provozierendes SCHREIBEN erneute isolation.

isolation als herausforderung:

was zunächst als zweckfreies SCHREIBEN begann, wir zunehmend zum ausdruck von betroffenheit. SCHREIBEN als offene Stellungnahme.

äußerung von meinungen, die außerhalb der akzeptierten norm liegen.

durch SCHREIBEN ein offenbaren von tendenz.

ein mich-selbst-bloß-stellen. alles auf eine karte setzen.

vabanque-spiel unter vernachlässigung des gesetzten limits.

ausdruck grenzenlos.

extrem sein.

radikal sein zuweilen.

spüren, wie die isolation sich verstärkt.

aus der isolation heraus handeln.

mich einbringen, schwesterlichen beitrag leisten.

behutsam mitfühlen, bewusstes partei ergreifen für die, die ganz außen stehen. mit ihnen identifiziert werden schließlich. solidarität und zuneigung erleben in gemeinsamer erfahrung.

bewusstes beobachten der werteverschiebung von begriffen.

am eigenen leib spüren, schmerzhaft empfinden, wie idealismus zum spottwort wird, praktizierter pazifismus zum kriminellen delikt.

ein mich-wieder?finden schließlich in jener gewissen ecke.

den mutmaßlichen, den sympathisanten zugerechnet werden.

ich wehre mich nicht dagegen. mit welchen mitteln sollte ich mich auch dagegen wehren in einem sprachraum, in dem das ursprünglich menschliche wort ‚sympathie’ bereits negativ belegt und auch ‚menschlich’ kaum noch uneingeschränkt positive bedeutung haben kann in einer immer unmenschlicher werdenden gesellschaftsordnung.

 

leben und SCHREIBEN und kämpfen als dreieinigkeitsprinzip.

zur realisierung des eigenen anspruchs, zur weiterentwicklung des eingeschlagenen entwicklungsprozesses, beginne ich mit einer weiteren ausbildung.

lernen ausbildung studium zeitweise synonym für leben.

familie beruf ausbildung studium als parallelogramm.

mit 39 abitur. studium der germanistik dann.

eine neue welt eröffnet sich, neues erleben, vorerst ohne

SCHREIBEN.

vermittelte theorie blockiert kreativität.

zuvor geschriebenes vermeintlich vollkommenes wird nun analysiert, seziert, für unvollkommen befunden.

von veränderter warte aus nunmehr be-urteilt.

verunsicherung, infragestellen des selbstverständnisses als SCHREIBENde frau bis hin zur gefahr des identitätsverlustes.

auch anderen frauen geht es wie mir, erfahre ich im laufe der ersten semester.

die vorstellung vom poeta doctus, der poeta docta.

illusion, abgehobenes ideal – dies kristallisiert sich zunehmend heraus bei fortschreitendem literaturstudium.

SCHREIBEN ist kein handwerk, das man per studium erlernen kann. die erworbenen theoriekenntnisse lassen lediglich zuordnen, analysieren, was im vermeintlichen laienstadium nur von stilgefühl, sprachgefühl und der dringlichkeit der botschaft bestimmt worden war, die es zu vermitteln galt.

 

ich kann nicht feststellen dass ich etwa vor aufnahme des studiums anders geschrieben hätte, als ich es nun tue.

es mag sein, dass eine inzwischen erfolgte akademische bestätigung der qualität einiger meiner texte die motivation vorübergehend bestärkten, das SCHREIBEN fortzusetzen.

und doch bin ich keinen schritt weitergekommen.

 

es muss an dir liegen, sagen die anderen.

ich stimme ihnen zu.

es liegt am mangelnden selbstbewusstsein, erkennen sie.

es liegt an beengenden rahmenbedingungen, gebe ich zu bedenken.

dein pech, stellen sie lapidar fest.

mein pech, resigniere ich.

und es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich in die

einengenden rahmenbedingungen zu fügen.

sich fügen heißt lügen.

 

lüge ich, indem ich mich – wenn auch zögernd – füge?

es bleibt mir keine andere wahl.

SCHREIBEN – dazu gehört vor allem ein freier raum.

ein geschützter arbeitsraum.

wie soll ich mich konzentrieren bei lärmendem durchgangsverkehr vor dem altbaufenster.

wie sollte ich mich meiner familie entziehen, dem kind die zuwendung verweigern, dem partner zuspruch vorenthalten?

es gilt wiederum, die familie durch engpässe mancher art hindurchzuschleusen,

materielle sorgen verzögern arbeitsprozesse.

das studium fordert zeitlich terminierte leistungen, die regelmäßig erbracht werden müssen. das privileg, der möglicherweise vermessenen anspruch, in meinem alter ein studium aufzunehmen, fordert seinen tribut.

der anonyme gönner staat besteht auf leistung.

kaum zeit für anderes.

das SCHREIBEN gerät allmählich zur nebensächlichkeit.

ich verliere die orientierung.

 

die möglichkeit einer veränderung der verhältnisse?

die realisierung des traums vom SCHREIBEN als hauptberuf in greifbarer nähe?

vor kurzem wurde im abendprogramm der ard das portrait eines deutschen schriftstellers ausgestrahlt. eines sehr bekannten mannes.

ich beschränke die schilderung auf das wesentliche. es kommt mir hier nur auf das kenntlichmachen des einen, des gar nicht so kleinen unterschiedes an:

yin ist nur yin, weil es yang gibt, dunkel ist nur dunkel, weil es auch hell gibt.

der gegensatz ist erst gegensatz durch seinen gegen-satz.

 

portait großaufnahme h.

h. daheim, in seinem schweizer chalet.

der dichter, eine imposante, weißbärtige persönlichkeit.

autor ernsthafter, zeitkritischer literatur.

er gibt das interview an seinem schreibtisch.

wo sonst geschähe dies wirksamer.

es ist dies ein ausladendes, breites möbelstück.

ich vermute eiche. tische dieser art pflegen aus eiche zu sein, übernehme ich das gängige klischee.

das ambiente des arbeitsraums dieses dichters wird nun

ausgeleuchtet, die kamera rückt bücherwände ins blickfeld, dann wieder den dichter.

das interview beginnt.

h. vergewissert sich, dass er gut im bilde ist, setzt sodann an, der welt mitzuteilen, dass

 

ganz abgesehen von der bedeutung, die dieser geschilderte mann, der einen ‚großen namen’ trägt, im literarischen leben zu diesem zeitpunkt hat: der kurze eindruck, den der 30-minuten-film vermittelt, hebt sich deutlich ab von der umgebung jedes weiblichen autors, jeder schreibenden frau, die ich aus der literatur oder auch persönlich kenne.

natürlich beneide ich h. um sein schweizer chalet.

ich schließe aus dieser beneidenswerten umgebung, dass er es ‚zu etwas gebracht’ hat mit seinem schreiben.

nach einer frau im hintergrund frage ich nicht.

es darf davon ausgegangen werden, dass, ähnlich wie in den meisten bekannten künstlerlebensgemeinschaften, eine frau im hintergrund durch führen des haushaltes, aufziehen möglicherweise vorhandener kinder, tippen der texte des mannes diesem erst die freiheit ermöglicht, die er zur ausübung seines kreativen metiers benötigt.

und – falls es eine frau h. nicht geben sollte, so ist doch anzunehmen, dass eine haushälterin, eine sekretärin dem künstler zur seite steht.

möglichst unsichtbar.

 

zugegeben: ich besäße ebenfalls gern – oder benutzte zumindest – den reichlich ausgestatteten arbeitsraum des besagten dichters. ein schreibtisch des geschilderten ausmaßes wäre ideal auch für mein arbeiten. eine ledergepolsterte, von innen abschließbare und gegen störungen jeder art abschirmende tür grenzte ans traumhafte.

die vorstellung allein, ungestört einen einzigen gedanken verfolgen zu können und bis zur ausgereiften formulierung, mahlzeiten- und terminunabhängig einen text in ruhe

in ruhe

in ruhe

zu ende schreiben zu können ...

 

es ist diese freiheit, um die ich h. am meisten beneide.

diese vielumfassende räumliche wie materielle, zeitliche ungebundenheit, diesen unschätzbaren männlichen bonus.

es sind jedoch die gesellschaftlichen rahmenbedingungen, die nicht entsprechend gestaltet sind, noch ist die gleichmäßigere, partnerschaftlichere umverteilung von aufgaben die ausnahme. noch ist es nicht an der tagesordnung, dass frauen ihrer traditionell zugewiesenen rolle mit aller konsequenz entkommen können.

es sollte möglich sein, selbst als familienfrau den grad an selbstverwirklichung zu erreichen, für mich hieße dies:

SCHREIBEN, der von männern in weitaus stärkerem maße als selbstverständlichkeit beansprucht und auch wahrgenommen wird.

SCHREIBEN als privileg.

 

ein mann hat, so beobachte ich, ein wie immer auch bedingtes anderes verhältnis zu seinem SCHREIBEN als ich als frau. und wieder kann ich nur für mich sprechen.

es mag frauen geben, die das stück selbst als stück ware betrachten, das es zu verkaufen, an den mann zu bringen gilt. nicht als das stück wesen, das dem erleben eine weitere dimension geben kann.

 

ich denke, also schreibe ich, also werde ich. denke ich.

und leiste mir, descartes im gedankenspiel zu verfremden.

behutsames tasten erst, erkunden des umfeldes dann, später erst, viel später die zögerliche freigabe des gedankens, dieses stückchens ich.

extremes verhalten, möglicherweise.

wenig kaufmännisch auf jeden fall.

oder aber vernunftbesetztes einschätzten eines vermeintlichen kultur-betriebes, der – wenig prosaisch – teil eines unbarmherzigen, fast ausschließlich kapitalorientierten marktes ist.

 

erinnerungen an die drei bis zehn zentimeter klassik aus der buchhandelszeit tun ein übriges. das zögern, vom text zu lassen, ihn weiterzureichen, ihn auszusetzen, sich mich auszuliefern wird zum trauma.

erscheint im rückblick plausibel.

es sind meine persönlichen erfahrungen, ich kann sie nicht als ‚weibliche’ erfahrungen klassifizieren.

es fehlt der vergleich mit den erfahrungen anderer schreibender frauen.

 

im moment befinde ich mich in einer phase, in der ich nicht mehr schreiben kann.

nicht mehr schreiben zu können glaube.

ich nehme an, es geht zu dieser zeit auch anderen nicht unsensiblen menschen wie mir: eine gewisse resignation lähmt – unter umständen vorübergehend – die kraft zum weitermachen.

leben gleich kämpfen gleich SCHREIBEN?

 

ich lese noch einmal das bisher geschriebene – und das kaum glaubliche geschieht:

wörter bilden sich, reihen sich aneinander, ein impuls weckt den folgenden gedanken: die geordnete, gesammelte schrei-lust wird wieder zur SCHREIB-lust: eine unbändige lust, ein vor längerer zeit begonnenes projekt fortzusetzen, die realisierung einer idee dem fluchtwunsch entgegenzusetzen.

 

hemmschwelle – zögernd noch – allmählich überwunden.

 

SCHREIBEN gleich leben.

einfach drauflos leben.

noch ohne system.

der stil reguliert sich im laufe des SCHREIBENs von selbst.

 

©birgit ohlsen 1985 (Frauenkulturtage im Kommunikationszentrum DIE BÖRSE, Wuppertal)

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